Robrecht van Bethune umarmte seine zärtliche Tochter voller Entzücken; er hielt sie an seine Brust gepreßt, bis ihre Aufregung ein wenig nachgelassen hatte, und legte dann den Helm und seine eisernen Handschuhe auf den Betstuhl. Von der Anstrengung des Tages ermattet, zog er einen Sessel herbei und ließ sich darin nieder. Machteld umschlang seinen Hals mit beiden Armen; dann betrachtete sie mit Bewunderung und Ehrerbietung den Mann, dessen Züge sie mit so viel Glück erfüllten, und der sie so zärtlich, so innig liebte. Mit klopfendem Herzen lauschte sie den süßen Worten, die seine geliebte Stimme ihr zuflüsterte.
„Machteld,“ sprach er, „mein edles Kind, der Herr hat uns lange geprüft; aber nun ist all unser Leid zu Ende. Flandern ist frei, das Vaterland ist gerächt, der schwarze Löwe hat alle Lilien zerrissen, und alle Fremden sind erschlagen. Fürchte nun nichts mehr, die bösen Söldner, die Johanna von Navarra ausgeschickt hat, sind tot.“
Machteld horchte mit ängstlicher Begierde den Worten ihres Vaters; sie blickte träumerisch in seine Augen und lächelte mit gar seltsamem Ausdruck. Sie war so von Freude erfüllt, daß sie dasaß, als ob sie jeglichen Gefühls beraubt wäre. Nach einigen Augenblicken merkte sie, daß ihr Vater nicht mehr sprach, und rief:
„O Herr, das Vaterland ist frei! Die Franzosen sind geschlagen! Und Euch, meinen Vater, Euch habe ich wieder! Dann wollen wir in unser schönes Wijnendaal zurückkehren, kein Kummer wird Eure alten Tage mehr verbittern, und ich werde mein Leben froh und glücklich in Euern Armen verbringen! Solches Glück konnte ich nicht erwarten, soviel wagte ich nicht von Gott in meinen Gebeten zu verlangen!“
„Höre, mein Kind, und werde nicht niedergeschlagen, ich bitte Dich: heute noch muß ich Dich wieder verlassen. Der edelmütige Krieger, der mich diesmal noch aus meinen Banden freiließ, empfing mein Ehrenwort, daß ich zurückkehren würde, sobald die Schlacht geliefert wäre.“
Tieftrauernd ließ die Jungfrau bei diesen Worten ihr Haupt auf die Brust sinken und schluchzte.
„Sie werden Euch ermorden, unglücklicher Vater!“
„Sei doch nicht so furchtsam, Machteld,“ erwiderte Robrecht, „mein Bruder Gwijde hat sechzig französische Ritter von edelm Blute gefangengenommen; man wird Philipp dem Schönen kundtun, daß ihr Leben für das meine als Pfand dient, und er darf die übriggebliebenen Helden seiner Rachsucht nicht opfern. Ich habe nichts mehr zu befürchten, Flandern ist mächtiger denn Frankreich. Deshalb bitte ich Dich, weine nicht. Sei froh, unser harrt die schönste Zukunft! Ich werde Wijnendaal wiederherstellen lassen: es soll uns alle empfangen. Dann werden wir wieder zusammen auf die Falkenjagd gehen; denke Dir, wie fröhlich unser erster Jagdzug sein wird!“
Ein Lächeln unaussprechlicher Freude und ein herzlicher Kuß waren Machtelds Antwort. Aber plötzlich schien sich ein quälender Gedanke in ihrem Geist zu regen, ihre Züge wurden traurig, und schweigend blickte sie zu Boden, wie jemand, der von Scham ergriffen ist.
Robrecht warf einen forschenden Blick auf seine Tochter und fragte sie: