Robrecht hätte am liebsten seine Tochter bei den Nonnen gelassen, denn er fürchtete, daß der Anblick des sterbenden Ritters sie zu sehr ergreifen würde. Doch den dringenden Bitten Machtelds konnte er nicht länger widerstehen; er nahm sie bei der Hand und sprach:
„Wohlan, meine Tochter, geh mit mir und besuche den armen Adolf. Aber, bitte, betrübe mich nicht zu sehr durch Deine Verzweiflung; bedenke, daß Gott uns heute so große Gnaden erwiesen hat, und daß er ob Deiner Verzweiflung zürnen könnte.“ Als er diese Worte sprach, waren sie bereits im Gange vor der Zelle.
Man hatte Adolf in den großen Speisesaal des Klosters gebracht, ein Federbett auf der Erde hingebreitet und ihn daraufgelegt. Ein Priester, der in der Heilkunde wohlerfahren war, hatte seinen Körper ganz genau untersucht und keine offene Wunde an ihm gefunden; lange blaue Striemen kennzeichneten die empfangenen Schläge auf seiner Haut, und unter den schweren Quetschungen war das Blut zusammengelaufen und geronnen. Nach einem Aderlaß wurde er gewaschen und mit kräftigem Balsam gerieben. Durch die sachverständige Behandlung des Priesters war er schon ein wenig gekräftigt, doch schien er noch immer seinem Ende nahe, obgleich seine Augen nicht mehr so trübe und glasig waren. Rund um das Bett standen gar viele Ritter, die stumm um ihren Freund trauerten. Jan van Renesse, Arnold van Oudenaarde und Peter De Coninck leisteten dem Priester hilfreiche Hand, Wilhelm von Jülich, Jan Borluut und Balduin van Papenrode befanden sich zur Linken, während der junge Gwijde mit Jan Breydel und den anderen vornehmsten Rittern gebeugten Hauptes am Fußende standen.
Breydel war gräßlich anzuschauen. Seine Hände waren in vielen Stellen geritzt, und ein blutiges Tuch bedeckte die Hälfte seines Hauptes. Seine Arme und Kleider waren zerrissen und das stumpf gewordene Beil hing an seiner Seite. Die anderen Ritter hatten gleichfalls das eine oder andere Glied mit Tüchern umwickelt, und eines jeden Rüstung zeigte furchtbare Beulen und war schrecklich zerhackt.
Maria kniete weinend neben ihrem Bruder. Sie hatte seine Hand ergriffen und benetzte sie mit ihren Tränen, während Adolf sein mattes Auge auf sie heftete.
Sobald Robrecht mit seiner Tochter den Saal betrat, packte alle Ritter Staunen und Bewunderung: der Held, der ihnen in der Not so wunderbar zu Hilfe gekommen war, war der Löwe von Flandern, ihr Graf! Sie beugten alle mit der größten Ehrerbietung ein Knie zur Erde und sprachen:
„Ehre sei dem Löwen, unserem Herrn!“
Robrecht ließ seine Tochter los, hob die Herren Jan Borluut und van Renesse auf und küßte beide auf die Wangen. Dann gab er den übrigen ein Zeichen, sich zu erheben, und sprach:
„Meine treuen Untertanen, meine Freunde! Ihr habt mir heute bewiesen, wie mächtig ein Heldenvolk ist. Jetzt trage ich die Krone meines kleinen Reiches mit mehr Hochgefühl als Philipp der Schöne die von Frankreich; denn auf euch kann ich mit Recht stolz sein.“
Dann ging er zu Adolf, ergriff seine Hand und betrachtete ihn lange; in beiden Augen des Löwen von Flandern glänzten helle Tränen, die allmählich schwerer wurden, sich schließlich losrissen und wie Perlen blinkend zu Boden fielen. Machteld lag schon neben Adolfs Haupt auf den Knien. Sie hatte den grünen Schleier, der jetzt beschmutzt und blutig war, an sich genommen und benetzte mit ihren Tränen dieses Zeichen ihrer Zuneigung und seiner Aufopferung. Sie sprach kein Wort, sah auch Adolf nicht an; denn sie hielt ihre beiden Hände vor das Gesicht und schluchzte in tiefer Betrübnis, ohne sich zu rühren.