„Ich sage euch, meine Herren, das Fieber, das diesem jungen Ritter den Tod bringen mußte, ist vorüber – er wird nicht sterben.“
Alle wurden so von ihrem Gefühl übermannt, als hätten die Lippen des Priesters ein Todesurteil ausgesprochen. Aber bald vermochten sie, ihrer Freude durch Worte und Gebärden Ausdruck zu verleihen.
Maria hatte die Verkündigung des Priesters mit einem lauten Schrei beantwortet und ihren Bruder in größter Aufregung umarmt. Machteld fiel auf die Knie nieder, erhob ihre Hände und rief mit lauter Stimme:
„Ich danke Dir, Du gütiger, Du barmherziger Gott, daß Du das Gebet Deiner demütigen Dienerin erhört hast!“
Nach dieser kurzen Danksagung sprang sie auf und warf sich voll grenzenloser Freude in die Arme ihres Vaters. „Er bleibt am Leben! Er wird nicht sterben!“ rief sie. „O, jetzt bin ich so glücklich!“ und einen Augenblick ruhte sie ermattet an Robrechts Brust. Aber ebenso rasch kehrte sie zu Adolf zurück und gab ihrem Entzücken ihm gegenüber Ausdruck.
Was allen wie ein Wunder erschien, war nur eine Folge von Adolfs Zustand. Er hatte weder offene noch tiefe Wunden empfangen, sondern viele Quetschungen; die Schmerzen, die er infolgedessen litt, hatten ein gefährliches Fieber hervorgerufen, das ihm den Tod hätte bringen können. Aber Machtelds Gegenwart, die seiner Seele Kräfte verdoppelte, verscheuchte das tödliche Fieber, und so entrann er dem Grabe, das schon den Rachen nach ihm aufsperrte.
Robrecht van Bethune ließ seine Tochter, die vor Freude ganz außer sich war, neben Adolf niedersitzen, trat zu den Rittern und redete sie folgendermaßen an:
„Ihr edeln Männer von Flandern habt heute einen Sieg errungen, der als ein Beweis eurer großen Tapferkeit auf eure Kinder und Kindeskinder übergehen wird; ihr habt der ganzen Welt gezeigt, wie es dem Fremden ergeht, der den Fuß auf unseres Vaterlandes Boden zu setzen wagt. Die Liebe zum Vaterland hat in euren Heldenseelen unerhörten Mut entflammt und, durch gerechte Rache gestählt, haben eure Arme die Tyrannen erschlagen. Die Freiheit ist einem Volke, das sie mit seinem Blute besiegelt hat, teuer; fortan kann kein Fürst des Westens mehr die Vlaemen auch nur für einen Augenblick zu Sklaven machen; denn ihr alle würdet lieber sterben, ehe ihr das duldetet. Doch das brauchen wir ja auch nicht mehr zu befürchten. Flandern hat sich heute über alle Völker erhoben, und ihr edeln Männer seid es, denen das Vaterland diesen Ruhm verdankt. Jetzt wünschen wir, daß Friede und Ruhe unsere Untertanen für ihre Treue belohnt; es wird uns glücklich machen, von allen mit dem Namen Vater begrüßt zu werden, wenn wir uns durch unsere fürsorgliche Liebe und das unaufhörliche Bestreben, sie glücklich zu machen, diesen Namen verdienen können. Sollte es dennoch wieder geschehen, daß die Franzosen zurückzukommen wagten, so würden wir noch der Löwe von Flandern sein, und unser Hammer würde euch nochmals zum Kampfe führen. Wir bitten euch, ihr Herren, sänftigt die Gemüter, sobald ihr in eure Lehen zurückgekehrt seid, bringt alles zur Ruhe, damit der Sieg nicht durch Aufruhr befleckt werde, und leidet vor allem nicht, daß das Volk die Verfolgungen wider die Leliaerts nochmals aufnimmt. Es ist unsere Sache, über sie zu Gericht zu sitzen. Wir müssen euch nun verlassen. Während unseres Fernseins werdet ihr unserem Bruder Gwijde als eurem Herrn und Grafen Gehorsam leisten.“
„Uns verlassen!“ rief Jan Borluut ungläubig. „Ihr kehrt nach Frankreich zurück? Tut es nicht, edler Graf, sie werden ihre Niederlage an Euch rächen.“
„Meine Herren,“ unterbrach ihn Robrecht, „ich frage euch, wer unter euch möchte aus Furcht vor dem Tode sein Ehrenwort und seine Rittertreue brechen?“