Vierzehn Tage später kam Philipp der Schöne mit einem neuen Heere nach Flandern, um Rijssel zu belagern. Die vlaemische Bürgerschaft schloß ihre Läden und griff einmütig zu den Waffen; Philipp von Flandern ließ sie alle bei Kortrijk zusammenkommen und zog einige Tage darauf gen Rijssel, den Franzosen entgegen. Als Philipp der Schöne ihre gewaltige Menge sah, rief er erstaunt aus: „Mich dünkt, Flandern speit oder regnet Krieger.“
Da er keine Niederlage mehr wagen durfte, machte er nach einigen kleinen Gefechten Friedensvorschläge. So kam ein Waffenstillstand zustande, und die Unterhandlungen begannen. Es dauerte aber lange, ehe die Bedingungen von beiden Seiten angenommen wurden.
Unterdessen starb der alte Graf Gwijde zu Compiègne in seinem Gefängnis; Johanna von Navarra folgte ihm bald in den Tod.
Schließlich wurde zwischen Philipp von Flandern und Philipp dem Schönen der Friede geschlossen und unterzeichnet. Robrecht van Bethune mit seinen Brüdern Wilhelm und Gwijde und all den anderen gefangenen Rittern kamen frei und konnten in ihr Vaterland zurückkehren. Das Volk war mit den Bedingungen des Friedens nicht zufrieden und nannte ihn einen Bund der Ungerechtigkeit. Dies Mißvergnügen führte aber zu keinen weiteren Folgen.
Als Herr Robrecht van Bethune nach Flandern kam, wurde ihm ein ungewöhnlich prächtiger Empfang bereitet und als Grafen gehuldigt. Er lebte noch siebzehn Jahre, hielt die Ehre und den Ruhm Flanderns aufrecht und entschlief im Herrn am 18. September 1322.
[Nachwort.]
Die Geschichte Belgiens ist die Geschichte von erbitterten Kämpfen des Germanentums gegen romanischen Vordrang, romanische Herrschsucht. Einst waren es die Römer, denen sich das Volk Flanderns unterwerfen mußte, später die Welschen, die romanisierten Franken, die in steten Kämpfen ihre Macht über Belgiens Lande auszudehnen strebten und trotz häufiger schwerer Niederlagen Fetzen auf Fetzen an sich rissen. Auch in den Zeiten, da der Kriegslärm zu ruhen schien, ging der Kampf weiter: dann waren es Sprache und Kultur, die widereinander stritten und das erbitterte Ringen fortsetzten. In dem Maße, als Belgien, als die deutschen Vlaemen den Anschluß an den großen germanischen Bruderstamm verloren, in demselben Maße wurde es dem französischen Einfluß möglich, Boden zu gewinnen. Die Erkenntnis dieser bedrohlichen Fortschritte führte zu der vlaemischen Sprachbewegung, die hauptsächlich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts immer mehr an Bedeutung gewann und das völkische Gewissen der Belgier wachzurütteln strebte.
Einer der erfolgreichsten Vertreter dieser Bewegung wurde Hendrik Conscience, der, am 3. Dezember 1812 geboren, nach Beendigung seiner militärischen Dienstzeit 1836 entschieden für das Vlaementum Stellung nahm. Gleich sein erster Roman „In't wonderjaer 1566“, den er, als ersten der neuen vlaemischen Literaturperiode, 1837, schrieb, erregte gewaltiges Aufsehen. Ihm folgte im nächsten Jahr als zweiter der „Löwe von Flandern“, der die goldene Sporenschlacht verherrlicht. Von da an war die Stellung des Dichters in seinem Vaterlande gesichert: angesehene Stellungen, ein Jahresgehalt aus der Schatulle des Königs lohnten seine verdienstvolle Tätigkeit und erlaubten ihm, sorgenlos seine dichterische Tätigkeit fortzusetzen und jene gewaltige Reihe von Romanwerken zu vollenden, die in den langen Jahren bis zu seinem Tode (1883 zu Brüssel) erschienen und in immer gleichem Maße von seinen Landsleuten freudig und dankbar anerkannt wurden. Bis zu welchem Grade er sich dem deutschen Brudervolke nahestehend fühlte, beweist der Umstand, daß er, der einen französischen Namen trug, besonders auf die Verbreitung seiner Werke in Deutschland bedacht war und deshalb die von 1846 bis 1884 in Münster erschienene Gesamtausgabe seiner Werke in deutscher Sprache selbst sorglich durchsah.