„Nun, Herr Adolf,“ rief Rogaert und ergriff seine Hand, „ich sehe, es geht gut. Nur keine Furcht, wir sind nun über den Berg. Ich brauche Eure Wunde jetzt nicht zu verbinden. Trinkt nur reichlich von diesem Wasser und haltet Euch so ruhig wie möglich. In weniger als einem Monat werden wir eine Wanderung zusammen machen, wenn nicht ganz unvorhergesehene Rückfälle eintreten. Da aber Euer Geist nicht so krank ist wie Euer Körper, so gestatte ich, daß Fräulein Maria Euch von dem traurigen Ereignis berichtet; aber bitte, Herr Adolf, erschreckt nur nicht und bleibt immer hübsch ruhig.“

Maria hatte schon zwei Stühle herangeschoben und setzte sich mit Meister Rogaert beim Kopfende des Bettes nieder. Der kranke Ritter betrachtete sie voll gespannter Neugierde. Man konnte in seinen Zügen lesen, wie sehr es ihm schon jetzt nahe ging.

„Laß mich erst ganz ausreden,“ begann Maria, „unterbrich mich nicht und sei vernünftig, lieber Bruder. – Am Abend deines Mißgeschicks rief unser Graf seine getreuen Lehnsleute zusammen und teilte ihnen mit, daß er nach Frankreich reisen wolle, um dem König Philipp dem Schönen zu Füßen zu fallen, und Gwijde von Flandern zog also mit den Edlen nach Compiègne; aber dort wurden sie allesamt gefangen genommen, und nun wird unser Land von den Franzosen beherrscht. Flandern untersteht Raoul von Nesle …“

Dieser knappe Bericht ergriff den Ritter nicht so heftig, als man hätte erwarten sollen. Er antwortete nicht und schien in tiefes Nachdenken versunken.

„Ist das nicht traurig?“ fragte Maria.

„O großer Gott!“ seufzte Adolf, „welche holde Seligkeit hast du Gwijde zugedacht, da er so viele Demütigungen hienieden erdulden muß! – Aber sage mir, Maria, ist auch der Löwe von Flandern gefangen?“

„Ja, lieber Bruder, Robrecht van Bethune sitzt zu Bourges in Berry gefangen und Herr Wilhelm in Rouen. Von all den Edlen, die mit ihm beim Grafen waren, ist nur einer diesem traurigen Schicksal entgangen – der listige Dietrich.“

„Nun begreife ich auch die abgebrochenen Worte und die Tränen der unglücklichen Machteld. – Ohne Vater, ohne Verwandte muß die Tochter des Grafen von Flandern bei Fremden Zuflucht suchen!“

Hell funkelten seine Augen, sein Gesicht strahlte vor Begeisterung, und er fuhr fort:

„Das teure Kind meines Fürsten und Gebieters ist mein Schutzengel gewesen! Wohl ist sie jetzt verlassen, unglücklich, allen Verfolgungen ausgesetzt; aber eingedenk der Wohltaten des Löwen werde ich über sie wachen wie über ein Heiligtum. O, welch schöne, welch erhabene Aufgabe ward mir zuteil! Wie ist mir nun das Leben wert, da ich es ganz der Dankbarkeit weihen kann.“