Da De Coninck in Flandern für einen der verständigsten Männer galt, so nahm Adolf an, daß sein Verlangen von Vorsicht diktiert war, und gestand ihm deshalb alles zu, unter der Bedingung, daß er persönlich für die Jungfrau einstehe. Der Obmann machte alsdann darauf aufmerksam, daß er die edle Machteld nicht kannte, und deshalb wurde sie von Maria herbeigeholt.
De Coninck verbeugte sich tief und demütig vor ihr; das Mägdelein aber betrachtete ihn erstaunt, denn es wußte nicht, wer er war. Da hörte man plötzlich Lärm auf dem Gang, als ob zwei Menschen sich stritten.
„So wartet doch!“ rief einer von ihnen, „ich will gehen und fragen, ob Ihr eintreten dürft.“
„Was?“ rief eine andere noch gewaltigere Stimme, „Ihr wollt die Fleischer fernhalten, während die Weber zugelassen werden? Rasch, macht Platz, oder Ihr werdet es bereuen!“
Die Tür ging auf, und ein junger kräftig gebauter Mann mit stolzen Zügen trat ins Zimmer. Er trug ein Koller wie De Coninck, nur war es geschmackvoller verziert. Ein großes Kreuzmesser steckte in seinem Gürtel. Als er in das Zimmer trat, warf er sein langes blondes Haar zurück und blieb verblüfft an der Tür stehen. Er hatte geglaubt, den Obmann der Weber mit einigen seiner Genossen zu finden. Als er jetzt aber diese herrliche Jungfrau und vor ihr De Coninck in demütiger Haltung erblickte, wußte er nicht, was er denken sollte. Doch ließ er sich weder hierdurch, noch durch Meister Rogaerts forschende Blicke außer Fassung bringen. Er entblößte sein Haupt, verbeugte sich hastig vor allen anwesenden Personen und ging stracks auf De Coninck zu. Dem klopfte er freundschaftlich auf die Schulter und meinte:
„Meister Peter, ich suche Euch schon seit zwei Stunden in der ganzen Stadt, aber ich konnte Euch nirgends finden. Ihr wißt ja noch nicht, was vorgeht, was ich Euch für Nachrichten bringe.“
„Nun, was gibt es denn, Meister Breydel?“ fragte De Coninck ungeduldig.
„Starrt mich doch nicht so mit Eurem grauen Auge an,“ rief Jan Breydel, „denn Ihr wißt wohl, daß ich mich vor Eurem Katzenblick nicht fürchte. Doch einerlei – wisset denn, König Philipp der Schöne und die verfluchte Johanna von Navarra kommen morgen nach Brügge. – Und die sauberen Herren vom Magistrat haben hundert Weber, vierzig Fleischer, und ich weiß nicht wie viele noch zum Herrichten von Triumphbogen, Wagen und Schafotten verlangt.“
„Und was besagt denn das so Außerordentliches, daß Ihr so lauft?“
„Wie, Meister! – was das besagt? Mehr, als Ihr denkt; denn nicht ein einziger Fleischer mag helfen, und dreihundert Weber warten auf Euch vor dem Pand[19]. Was mich betrifft, so sollen sie nur warten, bis ich mich für die rühre. Die Goedendags[20] stehen bereit, die Messer sind geschliffen. Ihr wißt wohl, was das bei meiner Zunft besagen will.“