Ein dumpfes Geräusch wie ferner Donner ertönte in diesem Augenblick von der anderen Seite der Stadt her. Die Leliaerts erbleichten, dies drohende Unwetter jagte ihnen Furcht ein. Doch sie wollten ihren Gefangenen nicht loslassen, stellten mehrere Wachen vor dem Hof auf, um den Ansturm des Volkes abzuwehren, und ließen sich durch Kriegsknechte bis heim geleiten. – Eine Stunde später war die ganze Stadt in Aufruhr.
Die Sturmglocke ertönte, die Trommeln der Zünfte dröhnten durch alle Straßen, und ein furchtbares Getöse, gleich dem Geheul eines Orkans, fegte durch die Stadt. Türen und Fenster wurden geschlossen, und die Wohnungen öffneten sich nur, um den bewaffneten Hausvater hinauszulassen. Die Hunde bellten fürchterlich, als hätten sie den Wehruf verstanden, und vereinten ihre rauhe Stimme mit dem Geschrei ihrer racheheischenden Herren. Große Volkshaufen liefen eilig hin und her. Der eine hatte eine Keule, der andere einen Goedendag oder eine Streitaxt. Inmitten der wogenden Scharen konnte man die Fleischer leicht an ihrem blinkenden Schlachtbeil erkennen. Die Schmiede mit ihren großen Vorhämmern auf den Schultern begaben sich ebenfalls zum Sammelplatz bei dem Weberpand. Hier standen bereits unzählige Zunftgesellen, und ihre Zahl wuchs in dem Maße, als sich die angekommenen Freunde unter ihre Fahne scharten.
Als der Trupp groß genug war, stieg Jan Breydel auf einen Wagen, der sich zufällig auf dem Platze befand, und schwang sein Schlachtbeil in furchtbaren Kreisen um sein Haupt.
„Männer von Brügge,“ schrie er, „es gilt jetzt Leben und Freiheit! Wir wollen den Verrätern zeigen, wie es mit den Brüggern steht und ob ein Pfund Sklavenfleisch unter uns zu finden ist; denn das glauben sie schon. Meister De Coninck liegt in Ketten – mag denn unser Blut für seine Befreiung fließen! Dies ist für alle Zünfte Pflicht, für die Fleischer ein Fest! Geschwind die Ärmel aufgestreift!“
Während die Fleischerzunft diesen Befehl ausführte, entblößte er selbst seine sehnigen Arme bis an die Schultern und rief, vom Wagen springend:
„Vorwärts und Heil! Heil De Coninck!“
„Heil De Coninck!“ riefen alle. „Vorwärts! vorwärts!“
Gleich den rollenden Wogen der brausenden See strömte die Menge zum Prinzenhof. Todesschreie und Waffenklirren begleiteten die furchtbare Schar. Die Rufe der Männer und das Heulen der Hunde mengte sich mit Glockenschall und Trommelwirbel. Es schien, als wären die Bürger von allgemeiner Raserei ergriffen.
Kaum wurden die Wachen dieser wütenden Rotte ansichtig, so flohen sie nach allen Seiten und ließen so das Gebäude schutzlos; aber nicht alle hatten sich durch die Flucht retten können, denn im Nu lagen mehr als zehn Leichen auf dem Vorhof.
Rasend wild, wie ein gereizter Löwe, stürmte Breydel die Treppen hinauf und warf einen französischen Diener, den er im Gange betraf, von oben hinab unter das Volk. Das unglückliche Opfer ward auf den Spitzen der Goedendags aufgefangen und sofort mit Keulen erschlagen. Bald erfüllte das Volk den ganzen Hof. Breydel hatte einige Schmiede herbeigerufen und ließ die Türen der Kerker sprengen. Zu ihrem größten Schmerz fanden sie sie alle leer. Nun fluchten sie noch wilder, daß sie den Tod De Conincks rächen wollten.