Als die Weber erfuhren, daß ihr Obmann nicht zu finden war, ließen sie sich nicht mehr halten; statt weiter nach ihm zu suchen, liefen sie in Scharen nach den Wohnungen der vornehmsten Leliaerts und zertrümmerten dort alles. Doch gelang es ihnen nicht, einen einzigen Leliaert aufzuspüren, denn die hatten den Besuch vorausgesehen. Eben wollte Breydel voll Verzweiflung und Rachedurst den Prinzenhof verlassen; da trat ein greiser Tuchwalker zu ihm und sprach:
„Meister Breydel, Ihr sucht nicht gut; es gibt noch einen Kerker an der anderen Seite des Gebäudes, ein tiefes Loch, in dem ich schon ein Jahr meines Lebens verbracht habe. Kommt, folgt mir, bitte.“
Durch mehrere Gänge hindurch gelangten sie zu einer kleinen eisernen Tür. Der alte Walker nahm einem der umherstehenden Schmiede einen großen Hammer aus den Händen und zertrümmerte das Schloß mit wenigen Schlägen, doch die Tür ging nicht auf. Ungeduldig riß Jan Breydel den Hammer an sich und schmetterte so gewaltig wider die Tür, daß gleichzeitig alle Klammern aus der Tür sprangen. Nun die Tür zusammengebrochen war, konnte man in den Kerker sehen. In einem Winkel stand De Coninck, mit einer schweren Kette an die Mauer gefesselt. Voll leidenschaftlicher Freude lief Jan Breydel ihm entgegen und umarmte den Freund wie einen wiedergefundenen Bruder.
„O Meister!“ rief er, „welche Freudenstunde für mich! Ich wußte nicht, daß ich Euch so innig liebte.“
„Ich danke Euch, tapferer Freund,“ gab De Coninck zur Antwort, während er den Kuß des erregten Fleischers erwiderte. „Ich wußte wohl, daß Ihr mich nicht im Kerker sitzen lassen würdet; zu gut kenne ich Euren edlen Mut. Ihr seid wie die Vlaemen von echtem Schrot und Korn.“
Dann wandte er sich zu den anderen und rief mit einer Begeisterung, die leidenschaftlich zu Herzen ging:
„Brüder! Ihr habt mich heute vom Tode befreit. Euch weihe ich mein Blut; eurer Freiheit jeder Funke meiner Seele! Betrachtet mich nicht mehr als einen Obmann, als einen Weber, der unter euch wohnt, sondern als einen Mann, der vor Gott geschworen hat, eure Freiheiten gegen den Feind zu schützen. Unverbrüchlich sei der Eid, der durch die dunklen Gänge meines Gefängnisses hallte! Mein Blut, mein Leben, meine Ruhe dem Vaterland …“
Der Ruf: „Heil De Coninck! Heil! Heil!“ verschlang seine Stimme und dröhnte weithin durch das Gefängnis. Von Mund zu Mund ging der Schrei hinaus, und bald hörte man nur ihn allein in der ganzen Stadt, ja selbst die Kinder stammelten: „Heil De Coninck!“
Der eiserne Gürtel wurde durchgefeilt, und De Coninck trat mit Jan Breydel in das Haupttor. Kaum aber hatte das harrende Volk die Fesseln an seinen Händen und Füßen bemerkt, da erhob sich von allen Seiten ein rasendes Mordgeschrei. Tränen der Rührung und der Wut strömten aus den Augen der Zuschauer, und der Ruf: „Heil De Coninck!“ erdröhnte mit donnernder Gewalt[25]. Plötzlich stürzte ein Haufe Weber zu De Coninck und hob ihn voll Eifer auf den blutigen Schild eines erschlagenen Kriegsknechts. Mochte sich auch der Obmann gegen diese Ehrung sträuben, mußte er es dulden, daß man ihn derart sieghaft durch alle Straßen der Stadt trug.