Es war ein seltsames Schauspiel. Tausende von Menschen liefen mit Messern, Beilen, Speeren, Hämmern, Keulen und anderen Zufallswaffen schreiend und wie toll über den Markt. Ob ihren Häuptern auf dem Schilde saß De Coninck; er hatte noch an Händen und Füßen seine Fesseln. Neben ihm gingen die Fleischer mit bloßen Armen und blinkenden Beilen. Als solchermaßen eine gute Stunde vergangen war, verlangte De Coninck die Obmänner und Anführer der Zünfte zu sprechen und bedeutete sie, daß es sich um eine höchst wichtige Angelegenheit der Bürgerschaft handelte. Er ersuche sie deshalb, am Abend in seine Wohnung zu kommen, um die nötigen Maßregeln zu besprechen.

Alsdann dankte er dem Volk und empfahl ihm stete Bereitschaft, zu den Waffen zu greifen. Nachdem dann seine Hände und Füße von den Ketten befreit waren, wurde er unter dem Jubel der Brügger bis an die Tür seiner Wohnung in der Wollstraße geleitet.

[IX.]

Bevor die Sonne am nächsten Morgen aufgegangen war, stand Jan van Gistel mit den Leliaerts in voller Rüstung auf dem Gemüsemarkt; wohl dreihundert Reiter und bewaffnete Diener waren dort versammelt. Tiefstes Schweigen herrschte in dem kleinen Heere; denn sollte ihr Anschlag glücken, so durften sie die Bürger von Brügge nicht wecken. Sie erwarteten geduldig die ersten Strahlen der Morgensonne, um das Volk zu überfallen und zu entwaffnen; dann wollten sie De Coninck und Breydel wegen ihres aufrührerischen Trotzes hängen lassen und die Zünfte zur Unterwerfung zwingen. Châtillon sollte am selben Tage seinen Einzug in die entwaffnete Stadt halten, Brügge für immer eine andere Verfassung bekommen. Zu ihrem Unglück hatte jedoch der schlaue De Coninck ihr Geheimnis entdeckt und sich zum Kampfe gerüstet. Zur nämlichen Zeit und ebenso still standen die Weber und die Fleischer mit den anderen Zunftgenossen in der vlaemischen Straße. De Coninck und Breydel gingen etwas abseits von der Schar auf und ab und entwarfen den Plan, nach dem sie handeln wollten. Während die Weber und die Fleischer die Leliaerts angriffen, sollten die übrigen Gesellen sich der Stadttore bemächtigen und dieselben verschlossen halten, damit der Feind von außen keine Hilfe bekäme.

Kaum war dies beschlossen, da tönte die Morgenglocke auf der St. Donatus-Kirche, und weithin hallte das Gestampf der Rosse Jan van Gistels.

Nun setzten sich auch die Zünfte in Bewegung und zogen in größter Stille den Leliaerts entgegen. Auf dem Markt erblickten die beiden feindlichen Haufen einander. Die Französlinge traten eben aus der Breydelstraße, während die Zünfte noch in der vlaemischen Straße waren. Die Leliaerts erschraken gewaltig, als sie merkten, daß ihr Geheimnis entdeckt war. Doch gaben sie ihren Plan nicht auf, denn sie waren Ritter und mutige Krieger. Bald ließ die Kriegsdrommete ihre ermunternden Klänge ertönen, die Rosse stoben mit ihren Reitern gegen die noch in der vlaemischen Straße zusammengedrängten Bürger. Die gefällten Speere der Leliaerts kreuzten sich mit den Goedendags der Weber, die standhaft den Stoß abwarteten. Aber aller Mut, alle Gewandtheit der Zunftleute war vergebens, sie konnten ob ihrer ungünstigen Stellung der Gewalt des stürmischen Angriffs nicht widerstehn. Fünf aus dem ersten Glied fielen tot oder verwundet nieder und so ward es den Reitern möglich, die Schlachtordnung zu durchbrechen. Drei Abteilungen wichen zurück; die Leliaerts glaubten sich schon Herren des Schlachtfelds und brachen in den Siegesruf aus: „Monjoie St. Denis! Frankreich! Frankreich!“ – Sie stachen und hieben links und rechts auf die Weber ein und bedeckten den Platz mit den Leichen der Bürger.

De Coninck wehrte sich tapfer an der Spitze mit einem langen Goedendag und verhinderte einige Zeit, daß die ersten Glieder zerstreut wurden. Diese hatten allein die ganze Macht der Leliaerts wider sich; denn da die Straße sie einschloß, konnten die hintersten Glieder nicht in den Kampf eingreifen. Doch die Zurufe und das Beispiel des Obmannes beschworen das Schicksal nicht lange. Mit erneuter Kraft griffen die Leliaerts die vorderen Scharen an und warfen sie in großer Verwirrung aufeinander. Das geschah so schnell, daß schon viele getötet waren, ehe Jan Breydel den Kampf bemerkte. Denn er stand mit seiner Zunft weiter hinten in der Straße. Erst eine Wendung, die De Coninck angeordnet hatte, zeigte ihm endlich, in welcher Gefahr die Weber schwebten. Er brüllte mit heiserer Stimme einige unverständliche Worte, wandte sich dann zu seinen Leuten und rief:

„Vorwärts, Fleischer, vorwärts!“

Wie rasend fuhr er durch die Weber hin und stürmte mit all den Seinigen auf die Reiter los. Der erste Schlag seines Beils ging durch die Nasenplatte und den Kopf eines Pferdes, der zweite streckte dessen Reiter zu seinen Füßen hin. Im Nu war er über vier Leichen hinweg und kämpfte grimmig weiter, bis er selbst eine kleine Wunde an dem linken Arm erhielt. Der Anblick des eigenen Blutes brachte ihn vollends außer sich. Wutschäumend erspähte er den Ritter, der ihn verwundet hatte, mit jagendem Blick warf er sein Beil fort, bückte sich dann unter den Speer seines Feindes, sprang am Pferde hinauf und umklammerte den Leliaert. Mochte der auch fest im Sattel sitzen, der Kraft des tollen Breydel konnte er nicht widerstehen: er flog aus dem Sattel und stürzte zu Boden. Während der Obmann der Fleischer seine Rache an ihm kühlte, hatten sich seine Genossen und die übrigen Zunftleute stracks auf die Leliaerts geworfen und viele niedergeschmettert. Da der Kampf lange auf demselben Platze stand, so türmten sich die Leichen von Menschen und Pferden, und Ströme von Blut färbten die Straße dunkelrot.