Bald konnte nichts mehr dem wuchtigen Ansturm der Zünfte widerstehen, denn mit dem Weichen der Leliaerts konnten sich ihre Feinde auf dem Markte ausbreiten und nunmehr sämtlich in den Kampf eingreifen. Offenbar suchten sie die Reiter zu umzingeln und dehnten deshalb ihren rechten Flügel bis zum Eiermarkt aus. Nun wandten die besiegten Ritter ihre Pferde und flohen eiligst, um dem drohenden Tode zu entgehen. Die Weber und Fleischer verfolgten sie mit Siegesgeschrei; doch sie konnten sie nicht einholen, da alle gut beritten waren.

Beim Klange der Drommeten und dem Lärm des Kampfes war die ganze Stadt in Aufruhr geraten. Bald war alles auf den Beinen. Tausende bewaffneter Bürger strömten aus allen Straßen herbei, um den streitenden Brüdern beizustehen; aber der Sieg war schon erfochten. Da die Leliaerts auf die Burg geflohen waren, so wurde dieser Platz von den Zunftgenossen rings umzingelt und bewacht.

Während sich dies auf dem Markte zutrug, umringte der Landvogt Châtillon die aufrührerische Stadt mit fünfhundert französischen Reitern. Er hatte vorausgesehen, daß die Brügger nach alter Gewohnheit die Stadttore geschlossen halten würden und deshalb auch das Nötige zur Beseitigung dieses Hindernisses vorbereitet. Sein Bruder Gui de Saint-Pol mußte mit zahlreichem Fußvolk und den nötigen Angriffsmaschinen zu ihm stoßen. In Erwartung dieser Hilfe entwarf er bereits einen Plan für den Sturm und suchte die schwächste Seite der Stadt ausfindig zu machen. Obgleich er nur wenig Mannschaften auf den Wällen sah, hielt er es doch nicht für ratsam, mit Reitern allein etwas zu unternehmen; denn er wußte wohl, was für ein unbändiges Volk in Brügge wohnte. Eine halbe Stunde später erschien in der Ferne der Zug Saint-Pols. Die Spitzen der Speere und die Streitäxte blitzten in den ersten Strahlen der Sonne, und eine undurchdringliche Staubwolke erhob sich vor den Pferden, welche die Sturmwerkzeuge zogen. Die wenigen Bürger, welche die Tore und Wälle bewachten, sahen nicht ohne Furcht die zahlreichen Haufen nahen. Als sie der schweren Balken und Sturmwerkzeuge ansichtig wurden, beschlich sie eine bange Ahnung. In wenig Augenblicken verbreitete sich die Schreckenskunde durch die ganze Stadt, und die Herzen der Frauen packte Weh und Angst.

Die bewaffneten Zunftleute waren noch um die Burg geschart, als die Nachricht von dem heranrückenden feindlichen Heere sie überraschte. Sie ließen einige Mannschaften auf dem Platze zurück, um einen Ausfall der verschanzten Leliaerts zu verhindern, liefen eiligst zu den Wällen und verteilten sich auf den bedrohten Mauern. Als sie sahen, wie die französischen Söldner bereits die Balken zu den furchtbaren Werkzeugen zusammenfügten, ward ihnen um ihre Vaterstadt bange. Die Belagerer arbeiteten in ziemlicher Entfernung von den Mauern der Stadt und waren außer dem Bereich der Pfeile, die ihnen von dort zugeschleudert wurden. Ruhig setzten sie ihre Arbeiten fort, während Châtillon mit seinen Reitern jeden Ausfall der Bürger verhinderte. Alsbald erhoben sich denn auch schon im Lager der Franzosen hohe Türme mit Fallbrücken; Sturmrammen und Ballisten waren auch fast fertig, und alles kündigte den Brüggern ein furchtbares Schicksal an. Trotz der großen Gefahr war den Mienen der Zunftleute keine feige Furcht anzumerken. Starr und regungslos blickten sie auf den Feind. Ihre Herzen schlugen rascher, und ihr Atem flog; aber das war nur der erste Eindruck beim Anblick des feindlichen Lagers. Bald strömte das Blut freier in ihren Adern, ohne daß sie die Augen vom Feinde abzuwenden brauchten; mannhaftes Feuer glühte auf ihren Wangen, und die Herzen sämtlicher Bürger waren von Rachedurst und Heldenmut beseelt.

Ein einzelner Mann stand heiter und froh auf dem Walle. Seine Lebhaftigkeit, sein zufriedenes Lächeln ließ annehmen, daß er einer glücklichen Stunde entgegensah. Bisweilen wandte er sein flammendes Auge vom Feinde auf das Schlachtbeil, das in seiner starken Faust blitzte, und dann streichelte er den Mordstahl mit zärtlicher Liebe. – Es war der unverzagte Jan Breydel.

Die Obmänner der Zünfte versammelten sich bei De Coninck und erwarteten schweigend seinen Rat und seine Befehle. Wie gewöhnlich bedachte der Obmann der Weber sich lange und blickte träumerisch zum französischen Heere hinüber. Das dauerte dem unruhigen Breydel zu lange, und er rief ungeduldig:

„Nun, Meister De Coninck, was befehlt Ihr denn? Sollen wir einen Ausfall machen und die französischen Snakkers überfallen, oder sollen wir sie auf unsern Wällen totschlagen?“

Der Vorsteher der Weber antwortete nicht; er starrte noch immer in tiefem Nachdenken auf die feindlichen Arbeiten und zählte genau die großen Sturmwerkzeuge.

Obgleich die anderen seine Gedanken auf seinem Gesicht zu lesen suchten, konnten sie doch nichts als kaltes Wägen darin wahrnehmen. Ruhe und Besonnenheit erfüllten De Conincks Herz, doch keine Hoffnung auf ein glückliches Gelingen. Er sah ein, daß es unmöglich war, der Gewalt der Feinde zu widerstehen; denn die riesigen Ballisten und hohen Türme machten die Feinde den Brüggern allzu überlegen, da diese nicht mit so gewaltigen Kriegswerkzeugen ausgerüstet waren. Als er sich genau überzeugt hatte, daß die Stadt, wenn es zum Sturme käme, durch Feuer und Schwert vernichtet werden würde, entschloß er sich zu einem traurigen Mittel; er wandte sich zu den Obmännern und sprach langsam:

„Genossen, die Not drängt; unsere Stadt, die Blume von Flandern, war verkauft gewesen, ohne daß wir es wußten. In dieser Lage kann uns nur Vorsicht helfen. Muß euch auch solch Opfer eurer edelsten Gefühle schmerzen, so bedenkt, bitte, wohl, daß zwar der Held, der sein Blut für die Rechte seiner Mitbürger vergießt, zu preisen ist, doch daß der Tollkühne törig handelt, der sein Vaterland kühnlich in Gefahr bringt. Hier nützt kein Kampf …“