„Die Stadt übergeben! – Wir die Stadt übergeben!“ wiederholte er nochmals voll zorniger Verachtung.
Einige Anführer der Zunft hatten das gehört und fragten ihn erstaunt, was er damit sagen wolle; da brach er los:
„Gnade uns der Himmel, ihr Männer! Mein Blut kocht in den Adern – o über den Schimpf, den unerträglichen Schimpf! Die Weber wollen die Stadt an die Snakkers übergeben. Ich aber beschwöre euch, Brüder, bleibt bei mir, wir wollen als echte Vlaemen sterben. Sehet den Boden, darauf wir stehen, – hier fielen unsere Väter! Wohlan, hier sei auch mein Grab! Ja, dies sei unser Grab und das der Franzosen! Unser Tod mag den feigen Webern zur ewigen Schande gereichen. Wer kein echter Fleischer ist, mag heimgehen. – Sprecht, wer geht mit mir in den Tod?“
Die Fleischer erhoben ein erschreckliches Geheul, und dreimal erdröhnte das furchtbare Wort: Tod! gleich einem Stöhnen aus unheilschwangerem Abgrund. „In den Tod!“ erscholl es aus siebenhundert wütenden Kehlen, und in die Rufe mengte sich das furchtbare Getöse der Schlachtbeile, die sie auf dem stählernen Pfriem schliffen.
Unterdessen hatten sich die meisten Obmänner durch De Coninck überzeugen lassen, daß sein trauriger Vorschlag die einzige Rettung war und hätten die Stadt gern übergeben, wenn Breydels Widerspenstigkeit es nicht unmöglich gemacht hätte. Angesichts der vielen schrecklichen Sturmwerkzeuge, die beim feindlichen Heere emporragten, beschlossen sie endlich, ohne Rücksicht auf Breydels Widerstand, mit dem Feind in Unterhandlungen zu treten. Als der gereizte Breydel ihre Absicht merkte, brüllte er vor Wut wie ein verwundeter Löwe und stürmte mit einem unverständlichen Geschrei auf De Coninck los. Die Fleischer sahen den Zorn ihres Obmannes und folgten ihm in Unordnung und voller Rachegier.
„Tod! Tod!“ heulte der rasende Haufe, „Tod dem Verräter De Coninck!“
De Conincks Leben schwebte in großer Gefahr; dennoch sah er die wütende Schar herankommen, ohne die geringste Furcht zu verraten. Wie man Wahnsinnige mitleidig anschaut, so blickte er mit verschränkten Armen, fest und unerschüttert den anstürmenden Fleischern entgegen. Mitten aus der wogenden Menge ertönte immer heftiger der schreckliche Ruf: „Tötet ihn, den Verräter!“ und schon schwebte das Beil über dem Haupte des großen Mannes. Er stand ungebeugt wie eine Rieseneiche, die der Gewalt des Sturmwindes trotzt, und von dem Bollwerk, darauf er stand, beherrschte er die Menge wie ein König.
In diesem Augenblick vollzog sich in Jan Breydels Zügen eine seltsame Wandlung. Als wäre er jählings aller Kraft beraubt, ließ er das Beil schlaff an seiner Seite niedersinken. Er bewunderte die Größe des Mannes, dessen Ratschläge er nicht hatte annehmen wollen. Doch nur einen Augenblick; denn alsbald sah er, in welcher Gefahr der Freund schwebte. Er warf den Fleischer, der schon sein Beil über De Conincks Haupte schwang, zu Boden und schrie:
„Halt, ihr Männer! Haltet ein!“
Anfangs wurde dieser Befehl nicht gehört, denn in dem wirren Mordgeheul konnte eine einzelne Stimme nicht durchdringen. So stellte sich Breydel drohend vor den Weberobmann und ließ zornig sein Beil kreisen. Nun erst begriffen seine Gehilfen, daß er De Coninck beschirmen wollte; sie senkten die Waffen und harrten mit drohendem Murren, was kommen würde.