Während sich Breydel bemühte, sie zur Ruhe zu bringen, kam ein Herold aus dem französischen Lager zum Fuß der Mauer, auf der sie standen. Die Aufmerksamkeit der erregten Bürger wandte sich daher dem feindlichen Boten zu. Der rief den Belagerten zu: „Im Namen des mächtigen Königs Philipp von Frankreich läßt euch aufrührerische Untertanen mein Feldherr Châtillon fragen, ob ihr die Stadt auf Gnade oder Ungnade übergeben wollt? Gebt ihr nicht binnen zehn Minuten entsprechende Antwort, so wird eure Feste durch Sturmwerkzeuge zerstört und alles durch Feuer und Schwert vernichtet.“

Alle richteten ihre Blicke auf De Coninck. Ihn, den sie eben noch töten wollten, schienen sie nun um Rat zu bitten. Selbst Breydel schaute ihn fragend an; doch keiner erhielt die gewünschte Antwort. De Coninck stand schweigend unter ihnen, als ob ihn dies alles gar nichts anginge.

„Nun, Freund De Coninck, wozu ratet Ihr denn?“ fragte Breydel.

„Daß man die Stadt übergibt,“ kam es kalt zurück.

Aufs neue begannen die Fleischer zu murren und zu toben. Doch ein gebieterisches Zeichen Jan Breydels brachte sie zur Ruhe.

„Glaubt Ihr nicht, De Coninck,“ fragte er, „daß wir mit unverzagtem Mut die Stadt verteidigen können? Läßt hier auch größte Tapferkeit keinen Erfolg erwarten? O unselige Stunde!“

Deutlich konnte man bei dieser Frage den tiefen Schmerz in Breydels Zügen lesen. Hatten seine Augen auch vordem in Kampfeslust geglüht, jetzt war aller Heldenmut darin erloschen.

De Coninck erhob nun seine Stimme und sprach zu der umstehenden Menge:

„Ihr alle seid meine Zeugen, daß nur Liebe zum Vaterland mich leitet. Für meine Vaterstadt gab ich mich eurer tollen Wut preis, und so wäre es mir auch nicht schwer gefallen, durch Feindeshand zu fallen; aber der Schutz der Perle Flanderns ist mir heilige Aufgabe. Schmäht mich, verhöhnt und verspottet mich wie einen Verräter; ich kenne meine Pflicht. Nichts, und mag es auch noch so schmerzlich sein, kann mich von diesem Ziel abbringen; aber einst werde ich euch befreien, wenn ich auch jetzt nicht nach euren Wünschen handle. Zum letzten Male sage ich es euch: es ist unsere Pflicht, die Stadt zu übergeben.“

Wer bei dieser kurzen Ansprache Breydels Mienen beobachtet hätte, hätte die verschiedensten Regungen wahrgenommen: Trotz, Mut und Kummer wechselten darin, und sein Händeringen verriet den Kampf mit seiner Leidenschaftlichkeit. Als die Worte: „Wir müssen die Stadt übergeben“ noch einmal wie ein Todesurteil an sein Ohr schlugen, umfing ihn inniger Gram, und er stand eine Weile wie in Gedanken verloren.