Machteld betrachtete forschend den Mönch und strengte ihr Gedächtnis an, um sich seines Namens zu entsinnen; denn seine Stimme griff ihr tief ins Herz. Plötzlich nahm sie seine Hand; ihre Augen glänzten vor Freude, und sie rief leidenschaftlich bewegt:
„O Gott! Der Herzensfreund meines Vaters – Herr Dietrich! Ich glaubte, alle außer Herrn van Nieuwland hätten uns verlassen. Nun sei dem Himmel Dank, er hat mir einen zweiten Beschützer gesandt! Und ich – ich wagte Euch in Gedanken der Untreue zu beschuldigen! Vergebt meinem bekümmerten Herzen diesen Irrtum, Herr Dietrich.“
Dietrich war ganz verdutzt, daß seine Kunst von einem Frauenauge durchschaut worden war. Ärgerlich legte er seinen Bart ab und erschien nun der Jungfrau in kenntlicherer Gestalt. Adolf erging sich in Danksagungen und drückte ihm mit inniger Freundschaft die Hand. Dann wandte sich Dietrich zu Machteld und sprach:
„Fürwahr, edles Fräulein, ich muß gestehen, Ihr habt ein scharfes Auge. Jetzt freilich heißt es wieder natürlich sprechen. Und doch wäre ich lieber unerkannt geblieben; denn die Maske, die Ihr durchschaut habt, ist für das Wohl meines Gebieters, des Löwen, unentbehrlich. Ich bitte Euch deshalb, nennt bei niemandem meinen Namen, das könnte mir das Leben kosten. Euer Antlitz, edle Jungfrau, trägt die Spuren Eures langen, tiefen Schmerzes; aber die sollen nicht dauern, wenn sich unsere Hoffnungen verwirklichen. Sollte sich jedoch die Gefangenschaft Eures Vaters gegen all' unsere Hoffnung länger hinziehen, so gebietet Euch die Religion, auf die Gerechtigkeit des Herrn zu vertrauen. Ich habe Herrn van Bethune gesehen und gesprochen. Sein Los ist durch das Wohlwollen des Kastellans erleichtert, und er ersucht Euch, seinetwegen nicht zu weinen.“
„Erzählt mir doch, was er Euch gesagt hat, Herr Dietrich. Beschreibt mir seinen Kerker, sein Leben. Nur seinen teuren Namen zu hören, tut meinem Herzen schon wohl.“
Dietrich der Fuchs begann eine eingehende Beschreibung des Turmes von Bourges und erzählte dem Mägdelein alles, was er wußte. Mit der größten Bereitwilligkeit beantwortete er jede kleinste Frage und tröstete sie durch erheuchelte Fröhlichkeit.
Inzwischen war Adolf aus dem Saal gegangen, um mit seiner Schwester Maria seine Reise zu besprechen und anzuordnen, daß man hierzu sein Pferd und seine Waffen instand setzte. Auch hatte er durch einen treuen Diener De Coninck und Breydel benachrichtigt und aufgefordert, über die junge Gräfin zu wachen. Das war freilich unnötig, da Dietrich der Fuchs schon mit geheimen Befehlen beim Weber gewesen war. Sobald Adolf zurückkam, erhob sich Dietrich von dem Sessel und sprach:
„Herr van Nieuwland, ich kann nicht länger bleiben. Geduldet Euch nun, bitte, nur ein wenig, damit ich Eurem Gesicht das nötige Alter verleihe. Fürchtet nicht, daß es Euch irgendwie schaden könnte, und laßt mich gleich beginnen.“
Der Ritter setzte sich vor Dietrich auf einen Sessel und lehnte sein Haupt zurück. Machteld, die dies alles nicht begreifen konnte, stand verwundert neben ihnen. Neugierig verfolgte sie, wie Dietrichs Finger auf Adolfs Gesicht zahlreiche graue Flecken und schwarze Linien zeichneten. Bei jedem Strich erstaunte das Mägdelein mehr; denn die Züge des Ritters veränderten sich und erinnerten an die ihres Vaters. Beim Anblick dieser Wunder pochte der Jungfrau Herz gar ungestüm. Als dann alle Linien recht dastanden, befeuchtete Dietrich Adolfs Wangen und Stirn mit einem bläulichen Wasser und ersuchte ihn, aufzustehen.