ROSMER. Ach nein, Zweifel waren leider nicht mehr möglich. Ich habe dir ja von ihrer wilden zügellosen Leidenschaftlichkeit erzählt, – von der sie verlangte, daß ich sie erwiderte. O, welches Grauen flößte sie mir dadurch ein! Und dann die grundlosen Selbstanklagen, mit denen sie sich in den letzten Jahren folterte!

KROLL. Ja, nachdem sie erfahren, daß sie ihr ganzes Leben lang ohne Kinder bleiben würde.

ROSMER. Ja, überlege dir also selbst –! Eine solch jagende grauenvolle Seelenqual wegen etwas ganz unverschuldeten –! Und sie wäre zurechnungsfähig gewesen!

KROLL. Hm ... Erinnerst du dich, ob du damals Bücher im Hause hattest, die vom Zweck der Ehe handelten – nach der fortgeschrittnen Auffassung unsrer Zeit selbstverständlich.

ROSMER. Ich erinnre mich, daß Fräulein West mir ein solches Werk geliehen hatte. Denn wie du weißt, erbte sie des Doktors Büchersammlung. Aber lieber Kroll, du glaubst doch wohl nicht, daß wir so unvorsichtig waren, die arme Kranke in solche Dinge einzuweihen? Ich kann dir hoch und heilig versichern, wir tragen keine Schuld. Es waren ihre eignen gestörten Gehirnnerven, die ihr Gemüt verdüsterten.

KROLL. Eins kann ich dir nun wenigstens mitteilen. Nämlich, daß die arme gequälte überspannte Beate ihrem eignen Leben ein Ende machte, damit du glücklich – und frei – und nach deinem Belieben leben könntest.

ROSMER (ist halb vom Stuhl aufgefahren). Was meinst du damit?

KROLL. Hör mich ruhig an, Rosmer. Denn jetzt kann ich davon sprechen. In ihrem letzten Lebensjahr war sie zweimal bei mir, um mir ihre Angst und Verzweiflung zu klagen.

ROSMER. Wegen derselben Sache?

KROLL. Nein. Das erstemal behauptete sie, du wärst im Begriff abzufallen. Du wolltest mit dem Glauben deiner Väter brechen.