Und siehe: als sie den Herbst wieder mit Gemahl und Tochter im Frieden ihrer florentinischen Villa zugebracht und sich zwischen Roger und Diomede eine wirkliche Freundschaft entwickelt hatte, schenkte sie im nachfolgenden Hochsommer ihrem Gemahl jenen wundervollen Knaben, dessen Schönheit in gewissen Kreisen unserer lieben Vaterstadt schon heute anfängt, ebenso sprichwörtlich zu werden, wie es noch vor drei Jahren diejenige des Grafen Primoli war.

So war auch in Isabellas Mutterliebe die göttliche Dreiheit hergestellt: und dies Ergebnis gewährte ihr eine solche innere Befriedigung, daß sie sich willig dem französischen Schönheitsgesetz fügte, das es für außerordentlich schädlich erklärt, wenn eine Frau mehr als zweimal die Lasten der Mutterschaft erträgt. Sie führte fortan das Leben der wahrhaft großen Dame – zumal sie ja in dem Gefühl treu erfüllter Pflicht gegen das Geschlecht derer von Ys und Dieuleveuille eine ausreichende Schwere sittlichen Gleichgewichtes besaß – und man empfand es in Paris wie eine gewisse Erleichterung, als eines Tages ein bekannter Weltmann sich die Bemerkung gestatten durfte, daß sogar die spröde Gräfin d'Ys dem unentrinnbaren Einfluß der Pariser Luft zu erliegen scheine, insofern, als sie sich des öfteren ganz zwanglos mit einem jungen Diplomaten deutscher Herkunft im Theater und in den Salons zeige.

Mit diesem jungen Deutschen aber ist natürlich meine Geschichte schon deshalb zu Ende, weil er mittlerweile vierzig »Elegieen einer geistigen Liebe auf eine Florentinische Dame« geschrieben hat.«

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So ungefähr hatte uns damals Octavio Poggiolini erzählt, dem die Anmut und das wundervolle Heidentum seiner Vaterstadt eingeboren waren. Und gleich darauf, als er sein neugefülltes Glas geleert hatte, ließ er sich auf den verblaßten Sammetschemel zu Füßen seiner rehbraunen Nachbarin Constanze Torregiani nieder und hob die schwarzen Augen an den Falten des himbeerfarbigen Seidengewandes bis zu ihren Blicken empor. Aber die Römerin schaute streng und strafend nieder, und die Hände, die er gern ein wenig auf seinem dichten, blauschwarzen Haar gefühlt hätte, dachten nicht daran, den Löwenknauf des hohen Sessels zu verlassen. Da erbarmte sich Katarina von Pleß seiner:

»Octavio, sprach sie, Octavio: Ihr sucht Euren berechtigten Lohn bei einer Unerbittlichen. Ihr vergeßt, daß sie eine geborene Colonna ist und sich noch nicht lange genug in Eurer Stadt aufhält, um von dem Geist erfüllt zu sein, der hier seit Jahrhunderten geheiligt ist. Wenn sie aber des öfteren Eure Geschichten gehört hat, wird sie Euch gnädiger gesinnt sein. Sofern Ihr aber mit mir vorlieb nehmen wollt – obwohl ich, wie Ihr wißt, nur eine schlichte deutsche Frau bin und außerdem die Base jenes jungen Deutschen, dessen geistige Liebe Eurer süßen Geschichte ein Ende setzte: wenn Ihr also mit mir vorlieb nehmen wollt, so will ich Euch gerne gänzlich ungeistig geben, was Euer ist: so wie Ihr der Muse gabt, was der Muse ist.«

»Ihr macht mich erröten, Herrin, entgegnete Octavio, da Ihr mich hoffen laßt, was meine kühnsten Wünsche nicht erträumt hätten. Die deutschen Frauen gelten hierzulande für unnahbar ..«

»Naht Euch getrost, versetzte Katarina mit einem sanften Lächeln, indem sie das runde Kissen, worauf ihre kleinen weißen Seidenschuhe nur leicht geruht hatten, ein wenig von sich schob, und mögen die Umsitzenden Zeugen sein, wie man die Dichter ehrt. Sollten Euch aber – was ich Euch durchaus zutraue – Gewissensbisse anfallen, Ihr könnet die Seele einer deutschen Frau durch den Zauber Eurer Erzählung, zu dem sich die ganze Anmut Eurer jugendlichen Erscheinung gesellt, mehr als erlaubt ist von den Bahnen der Sittsamkeit entfernt haben: so laßt Euch zur Erleichterung im voraus sagen, daß in meiner Ehe alle Angelegenheiten bereits so weit fortgeschritten sind, daß es keiner Erleuchtung mehr bedarf, wie sie über Eure göttliche Isabella Giramonte kam.«

Und mitten im lauten Jubel unseres Lachens küßte sie den schönen Octavio auf den schönen, hingehaltenen Mund.

Dann fiel der Vorhang über dem Spiel. Der große Halbkreis löste sich in kleine Gruppen auf, ich warf den Mantel über und trat ins Freie. Man fühlte, daß der Tau schon im Fallen war, noch standen keine Tropfen an den halbgeschlossenen Rosenblüten, aber das Gras war beschlagen und das Licht des Vollmondes rieselte in feinem silbernem Dunst. Die Schlagschatten an den Wänden schnitten große, bläuliche Dreiecke in das weiße Gestein. Tief unten im Tal lag der ungewisse Schimmer der Häuser und Kuppeln.