»Kennen Sie Siena?« fragte mich plötzlich der Graf Arnedal, ein junger Schwede, mit dem ich wenige Tage vorher in Deutschland bekannt worden war.

»Nein, noch nicht.«

»Sie müssen es mit mir zusammen sehen. Wenn Sie dort gewesen wären, würden Sie begreifen, warum mir in einer Nacht wie dieser die Frage aufstieg.«

Er nahm meinen Arm und zog mich auf die taghelle Landstraße hinaus. Wir gingen langsam bergauf. Er sprach von den Mondnächten Sienas, von dem silbernen Rauschen seiner unzähligen Brunnen, bis wir selbst unerwartet vor einem breiten, moosbewachsenen Becken standen, in dessen klare Flut ein weißer, dünner Strahl sein Wasser goß. Wir tauchten die Hände ein: sie schienen ganz im Mond gebadet .. wir schüttelten sie: tausend sprühende Tropfen sprangen in den Behälter zurück. Von der Höhe wehte ein leichter Lufthauch den Geruch der Akazienblüten, tief unter uns, in der Richtung des Hauses, erwachte der milde, goldne Glanz einer männlichen Stimme über leisen Lautenklängen. Wir lehnten am Brunnenrand und lauschten. Axel Arnedal sah in den Glanz der jenseitigen Arnohügel:

»Wenn wir morgen nach Siena führen?«

ROM

Rom: Ewige Welt im Banne eines Namens .. Traumhaftes Anklingen tiefgedämpfter Trommelwirbel über dem weichen Golde der Posaunen.

*

Eines möchte ich wieder erleben: Die frühe Morgenstunde, als ich zum erstenmal über die Piazza delle Terme in die Stadt hinunterfuhr: jenes Licht auf den gelben Häuserwänden, das Zerstäuben der Wassergarben über den offenen Brunnenbecken, das Wehen der Palmen im frischen, blauen Ostwind, den Duft des Sprühregens, der aus großen Gießfässern auf die Straße sprang, die Musik der tausendfachen Rufe aus Höfen und Hallen, aus Winkeln und von hohen Balkonen, den Flug des leichten Wagens, das frohe, helle Aufschlagen der Hufe, das Bellen des kleinen Hundes, der neben dem Kutscher saß und mit den Pfoten an einer hochroten Halsschleife spielte .. und dann den Eintritt in das Haus der Freunde, die kühle Dämmerung des Marmorvestibüls, das Schweigen der hohen, weißen Wände und den herben Geruch der Lorbeerbäume, die in niedrigen Behältern neben einem schlanken Spiegel standen.

Warmes, braunes Halbdunkel, von Grün durchweht, füllte das Zimmer, in das man mich führte: die Läden waren geschlossen, die Vorhänge gesenkt, nur hier und da vom Gold der Luft gesprenkelt. An allen Wänden, an der Decke, am Fußboden floß Gold: weich wie der Wein von Frascati in die glatten, runden Gläser fließt. Narzissensträuße standen auf den Tischen, aus langen Korridoren hallten Worte herüber, Schatten flogen und verschwanden.