Seitdem sind Jahre vergangen. Abschiede und Wiedersehen sind gewesen, und nach jeder Trennung die Gewißheit neuer Wiederkehr.

Es gibt keinen Abschied von Rom. Mit allen nordischen Städten kann man zu einem Ende ohne Widerruf kommen: Rom lächelt, wenn wir gehen. Es läßt seine Brunnen weiterrauschen, seine Schwalben im hellen Abendrot über den Ziegeldächern weiterkreuzen und streut den Samen des Heimwehs aus.

Rom ist die Heimat aller, die vom Wissen ruhen, vom Forschen genesen wollen, das Vaterland der Kämpfer, die über ihrem Ziel den großen Sonntag nicht vergessen. Lege deinen Kopf an den Schaft der abgebrochenen Säule und laß dein Auge die Krone der hochschwebenden Pinie suchen, sitze am schmalgefaßten Wasserbecken des Forums und folge dem Zug der Wolken in der stillen Tiefe der Flut, strecke dich im hohen Grase des Palatin aus und laß die Bienen über Glockenblumen und Asfodelen schwirren, trete tief in den Gesang einer Kirche hinein, wenn aus der klaffenden Türe der Kerzenflimmer dein Auge trifft: Du ruhst. Von allem ruhst du aus, fast wie ein Kranker, den das Gefühl gesund macht, daß ihm nichts mehr geschehen kann, solange das Bett ihn hütet. Niemand mehr hat eine Forderung an ihn, niemand kann kommen und ihn mit Fragen quälen, die Stunden sind rechtlos geworden .. die Tage .. vielleicht die Wochen. Er fühlt, wie sich die Kräfte seines Lebens wieder sammeln und das ermüdete Blut leichter und fröhlicher machen.

O wunderbar geschlossene Seele Roms! Keine Gegensätze mehr sind im Krieg miteinander, keine Welten mehr wollen sich umstürzen: mitten in das Rund des lateinischen Tempels hat die christliche Sehnsucht ihrem neuen Gott die Wohnung gebaut, Säulen, die um Altäre Jupiters und Apollos standen, tragen das Dach der christlichen Basilika, du kaufst die griechische Gemme bei demselben Juwelier, der dir die neueste Schöpfung des heimischen Goldschmiedes vorlegt, in dem Antlitz eines kleinen Zeitungsträgers findest du die Züge irgend einer geliebten römischen Büste wieder, in der Rede eines Abgeordneten hörst du Worte, die ein Tribun sagen konnte, und seine pathetischen Handbewegungen erinnern an die Geste des antiken Staatsmannes, wie ihn Marmor und Bronze überliefert haben. Alles gilt vor allem in der Seele dieser unergründlichen Stadt, und alles löst sich in allem auf. Auf ununterbrochen sich kreuzenden Wegen schafft sich der Geist des Fremdlings aus den Widersprüchen die innere Einheit der Stadt: und dieses rastlose Zusammenfügen von Getrenntem gibt Bewegung und Anmut, es bewahrt vor Erstarrung, indem es immer tieferes Erstaunen schenkt. So wird allmählich schon das Schauen zum Erkennen: der geübte, selbst nur flüchtige Blick rührt an das Wesen der Dinge.

Sitze nur einen Abend oder Nachmittag vor den großen Kaffeehäusern, Aragno oder Faraglia, sieh, wie sich diese Gruppen bilden, wie sie sich verschieben und auflösen, sieh das scheinbare Warten der Menschen auf irgendein Ernsthaftes und die Freude an der Begrüßung des ersten, der zufällig des Weges kommt. Dicht am Rande des Fußsteiges stehen alle diese jungen Leute, den Fuß ein wenig vorgesetzt, die Hände in den Hosentaschen, so daß sich der Rock über den Schenkeln emporschlägt. Der Hut ist nach dem Nacken zurückgeschoben, das schwarze Haar fällt in dichter Welle auf die Stirne. Sie pfeifen leise mit gespitztem Mund, wenn sie lachen, blinken die breiten, gesunden Zähne auf. In der linken Brusttasche steckt das bunte seidne Tuch, es hat die Farbe der Krawatte und der Strümpfe. Sie stehen und warten. Sie schauen den Corso hinauf und den Corso hinunter, sie gehen ein paar Schritte in eine Seitengasse: du kannst sicher sein, daß sie in wenigen Minuten zurück sind. Sie mustern sich und prüfen die Kleidung, sie glätten eine Falte und ziehen den Knoten einer Krawatte, während sie sich in einem blanken Schaufenster bespiegeln. Sie sind glücklich in dem, was sie sind: glücklich zu leben, zu jedem Abenteuer bereit, leichtsinnig bis zur Göttlichkeit, voller Schulden, bezaubernd körperlich, leidenschaftlich in jeder Empfindung, in der Gebärde ritterlich, traumlos und wundervoll gedankenlos. Sie sind genau so lange da, als sie vor dir stehen, aber sie sind nie gewesen, sobald sie nur um die nächste Ecke biegen und im Dunkel verschwinden. Kein Wunsch in dir wird wach, zu wissen, was sie treiben, was sie gelernt haben, ob sie Kaufleute oder Beamte sind. Sie können alles sein. Was sie wirklich bewegt, was ihnen das Leben schön macht, sind die stets gleichen Dinge: sie spielen, sie wetten auf die Rennpferde, sie denken an ihre Weiber. Jedoch dies alles haben andere junge Leute in anderen Städten auch. Aber sie sind Römer! Frage einen, was er ist, höre den Tonfall der Antwort:

»Sono Romano.«

Da ist der Abgrund, der sie von der Umwelt scheidet – und die Brücke, die unbeschreiblich-schwanke, unfehlbar-sichere Brücke, auf der ihre Seele zweitausendjahreweit in die Seele der großen Ahnen zurückflieht:

»Civis Romanus sum.«

Nimm ihnen die Kleider fort, wirf ihnen Toga und Tunika über, gehe zwischen ihnen über das Forum: und du mußt mitten im Leben der alten Stadt sein. Höre wieder auf ihre Sprache: Spiel, Wagenrennen, Gladiatorenkämpfe, Sklavenaufstände, Huren ..

Nimm sie einzeln: Es bleibt nicht sehr viel. Es bleibt ein Ebenmaß, eine Schönheit mittleren Grades: ein straffer, oft ein wenig gedrungener Körper, hartgemeißelte Schläfen, ein klarer Ansatz der glänzend-schwarzen Haare an Stirn und Nacken, die offene Flamme des dunklen, mandelförmigen Auges.