Nimm sie gleich darauf wieder zusammen, fühle ihre Einheit: und du spürst die unbegreifliche Kraft einer Rasse, die sich über den trübsten Schicksalen blühend erhalten konnte. Du spürst ganz Rom. Rom lebt dir aus ihnen entgegen, sie sind die unfreiwilligen Mittler. Wer Rom erlebt, muß sie erleben und in seine Liebe einbeziehen. Wer sie aus Dünkel oder Gleichgültigkeit übersieht, nimmt seinen Lohn voraus: Sie hemmen, wo sie gerne helfen möchten.
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An einem späten Nachmittag, als ein Gewitter die Luft gereinigt hatte, ging ich zur Villa Borghese hinauf. Abseits, im Grunde der Gärten, liegen die beiden Brunnen, denen mein Kommen galt, umspielt vom Schatten hellgrüner Akazien, die in den Sonnenglanz der stillen Abendlüfte greifen. Sie liegen halbvergessen auf feuchtem, braunem Boden, der den Klang jedes Schrittes auslöscht und Kühle haucht. Reicher tropfen die Schalenränder des ersten, verträumter die des anderen. Gleich süß sind beide der Ruhe suchenden Seele. Wie geht es sich leicht zwischen den Steineichen des schmalen Pfades, der beide verbindet, wie bannt ihr wechselnder Anblick das immer wieder entzückte Auge! Stehst du am einen und schaust nach rückwärts, so siehst du am andern den Kranz goldner Perlen in die oberste Schale tröpfeln, neue Perlen sammeln und an verdichteten Schnüren über smaragdenes Moos zur zweiten Schale herabfallen, die ihn noch länger behält und ihn der dritten gibt, wo er versinkt. Stehst du am andern, so hast du die Sonne zur Seite und sieht nur ein silbergrünes Tropfen und viele zerrinnende Kreise im unteren Becken. Hebt sich ein Windhauch, so rieseln die weißen Blüten auf das Wasser, fangen das Gold eines Tropfens und lassen sich weiterspülen in den traumhaften Tod. Kaum sah ich Menschen hier. Einmal lag ein Knabe auf einer Steinbank und starrte in die Bläue. Jedesmal, wenn sich das Laub im Winde regte, schien er zu warten, ob eine Blüte auf ihn niederfalle .. und lächelte, wenn sie auf seine Wimpern sank. Fast eine Stunde lag er so, vertieft in sich und in sein Spiel, ein junger Flurgott, der nichts von seiner Herkunft weiß. Später trat er zum Brunnenrand und fing die Silbertropfen mit dem Munde ..
Ein andres Mal kam ich mit einer Frau, die lange krank gewesen war. Sie ging sehr langsam, in ihren Augen brannte Müdigkeit. Sie tauchte die Hände in das Wasser, eine breite, goldne Welle floß über, ihre Rubinringe flammten neben dem hellgrünen Moos auf .. Sie starb im gleichen Jahr. Im Fall der Tropfen haben wir die letzten Worte zusammen gesprochen. O Brunnen der Erinnerung! Es ist keine Liebe zu einem Menschen oder einem Ding, die ohne Trauer wäre. Nun scheuchte mich der Schatten dieser Frau. Mit der hohlen Hand fing ich die erblindeten Tropfen. Wo blieb das Gold? .. Schon hob sich weiß der Mond und kündete kühl die silberne Nacht.
O Brunnen der Verwandlung.
O Wasser Roms.
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Viele stehen Abend für Abend am Geländer des Pincio und warten auf die Nacht. Ihre Augen sind geweitet, manche voll Grauen, manche voll Heimweh. Noch tauchen Namen auf in ihrem Hirn. Sie wissen: Dort ist der Janiculus, dessen Pinienkronen wie stille Inseln im korallenfarbigen Duft schwimmen. Die Kuppel St. Peters erscheint vergrößert im silbergrauen Dunst. Noch weiter rechts hebt sich der Monte Mario, neue Pinienkronen schließen sich an, eine schwebende Brücke zwischen Land und Land über den goldnen Wolkenbrüchen der Tiefe, in denen die Sonne versinkt. Ein Fremder tritt zu der Gruppe und nennt Kirchen, die über dem Durcheinander der Dächer aufsteigen. Wo ist der Fluß?, fragt einer laut .. Man kann ihn nicht sehen von hier, die Häuser verbergen ihn, aber dort, wo das Castello San Angelo auftaucht, muß er fließen. Und obwohl sie wissen, daß sie ihn nicht erblicken können, spähen sie sehnsüchtig nach dem glänzenden Streifen aus, der einen Weg in dem verwirrenden Bilde weist. Nun können sie suchen, wo ihr Haus liegt, ihr Platz, ihre Straße. Das Wehe des Verlorenseins löst sich auf im Gefühl der Beruhigung, daß sie irgendwo dort unten zu Hause sind. So entrinnen sie dem Abendgrauen und wissen nicht, daß sie der traumhaftesten Schönheit Roms entrinnen.
O, nicht mehr zu wissen, was diese Hügel, diese Türme, diese Dächer sind! Rom sind sie – Rom im Dunst von blassem Blut, im Schiefergrau barmherziger Schleier, die das rote Niederrieseln langsam, langsam im dunkelnden Gewebe töten. Nur fühlen, wie dies stumme Ganze sinkt, zusammenfällt, ein Riesenschutt nachglühender Asche, wie sich auf den gelben und geschwärzten Ziegeln das stumpfe Blau sammelt, ein Deckel von Basalt, und stehen bleibt.
So schließt der Abend seine Tore und hält die Stadt gefangen. Du bist mit eingeschlossen, du mußt hinunter zu ihren Lichtern und ihren Stimmen. Schatten wehen in deinem Rücken und treiben dich zur Treppe. Stufe um Stufe nimmt dein Fuß, schon wachsen körperlose Wände über dir empor, graue, erloschene Mauern streifen deine Flanke, Licht einer Lampe fällt aus nahem Zimmer auf deine Hände, Laute werden deutlich, Worte erkennbar. Du bist am Boden. Du wendest dich. Hoch über dem Gesims der Treppe stehn die schwarzen Palmenwedel. Perlgrau glänzt der Himmel, in dem die Frühe eines Sternes funkelt.