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Irgend einer hatte bei dem Abendessen, das uns die Gräfin Arnedal – Axels Mutter – gab, die Rede auf Marc Anton gebracht. Das Gespräch hielt uns bis Mitternacht, und als wir alle zusammen noch einmal bis zur Terrasse der Trinità de' Monti schlenderten, sagte Axel ungefähr folgendes:
»Ich habe neulich eine halbe Stunde lang die Büste dieses Mannes betrachtet und nicht eine Spur geistigen Lebens gefunden, die das übertrieben-Weiche dieser Züge zusammenhält und verschönt. Da ist nichts als Fleisch, sorgsam in Locken gelegtes Haar und ein Mund, dem eigentlich die Anmut fehlt, obwohl er schmal und sanft von Wange zu Wange zieht. Das Kinn versinkt, die Augen liegen tief und schimmern feucht. Sie müssen sehr schön gewesen sein, ganz ohne Seele, nur Sinnlichkeit. Ich kann mir nicht denken, daß sie schwarz waren. Ich empfinde sie grau, sehr matt und sehr verschleiert. Mit seiner Sinnlichkeit allein bezwang dieser Mann das Volk nach Caesars Tod. Seine Worte waren wie das Geschmeide, das eine schöne Frau sehr schön zu tragen weiß. Er ließ sie funkeln und schillern, er wand sich in ihrem kühlen Flitter und machte das dumpfe Volk befangen. Die Worte perlten: und schimmerten im Glanz von Tränen. Sie bluteten: und ließen die Wunde des Herzens ahnen: Wo eine Preisgabe sondergleichen war, sah die Menge noch die Beherrschung des vornehmen Mannes, dem Stand und Sitte nicht gestatten, den ganzen Schmerz zu zeigen. Vielleicht war es ein schlimmer Übergang in seinem Leben, als er erkannte, daß eine Sinnlichkeit, die gleichmäßig aufgeteilt ein ganzes Wesen beherrscht, selbst da noch eine große Macht besitzt, wo jede Kraft der Seele versagt. Auch kam dieses Erkennen zu spät und mußte gefährlich sein als Maß für die Haltung eines Mannes. Antonius war vierzig Jahre alt, als Caesar starb. Octavian aber war achtzehn: Ein wesenloses Alter an irgend einem Gegner, aber nicht wesenlos, wenn das Gesicht dieses Gegners die Züge Octavians trug. Antonius fühlte nicht den Unterschied. Er sah die Schönheit wohl: doch daß es die reine Schönheit eines unbeugsamen Willens war, der eine tiefverschlossene träumerische Glut in Zucht hält, sah er nicht. Was war ihm dieser Knabe? Der Bruder seiner Gemahlin, vielleicht einmal der flüchtige Reiz einer späten Gastmahlsstunde.«
Wir standen alle um den Sprecher, der plötzlich abbrach und mit der Hand nach der Kuppel von San Carlo wies, als ein Schwarm von aufgestörten Tauben silbertriefenden Fluges hinter der Wölbung verschwand. Perlmutterfarbene Wolkenflocken schwebten über den Gärten der Villa Medici.
»Woher wissen Sie alle diese Dinge?« fragte eine Dame.
Axel lächelte unmerklich:
»Nur aus der Statue. Ich höre das Blut in den Adern klopfen. Ich kenne den Klang der Stimme, wenn ich gefunden habe, wie die Augen aussahen. Ich lerne es langsam wieder, das Wesen eines Menschen aus seinem Körper zu deuten. Ich gebe mir Mühe, den tieferen Sinn des Leibes zu erfassen. Wir waren viel zu lange krank an Seele und Vergeistigung. Wir messen Werte nur noch mit diesen Gewichten. Aber die Sprache des beseelten Körpers ist uns verloren gegangen. Rom wies mir den Weg zur Umkehr. Rom führte mich nach Griechenland. Wie eine tiefe Beschämung fiel es auf mich, als ich vor Jahren zum erstenmal das Kapitol, den Vatikan und die Thermen durchwanderte – und an unsre armen Körper dachte, an denen nichts mehr gilt als das Gesicht. Die Verhüllungen unseres Leibes haben uns den Sinn des plastischen Ausdrucks genommen. So kommt es, daß wir anfangs fast hilflos vor den Marmorbildern stehn, bis unerwartet die Erleuchtung in uns kommt: die Wehmut einer Schulter, das Müde einer Hüfte, die atmende Glückseligkeit einer Brust lassen uns begreifen. Dann beginnt die Arbeit, mit der wir die lange Verwahrlosung sühnen. Und langsam, langsam ernten wir die wundervolle Frucht.«
Schon während der letzten Worte hatte Axel die Blicke nach dem Aufgang der spanischen Treppe gerichtet. Nun winkte er uns leise an das Geländer und deutete nach dem schmalen Altan, der die mittleren Stufenläufe aufnimmt: An der Mauer lagen in tiefem Schlaf zwei halberwachsene Kinder. Ihre Gesichter – deutlich erkennbar im bläulichen Mondlicht – spiegelten tiefe Beruhigung, das Hemd über der dunklen Brust stand ein wenig offen. Keiner von uns sprach.
Da mußte ich an alle die Vielen denken, die Nacht für Nacht im Schutz der Kirchentüren schlafen, Arme und Alte, in zerrissene Kleider gehüllt, die Glücklichen unter ihnen in einen zerlumpten Mantel, den sie irgendwo erbettelt oder fortgenommen haben. Wie oft sah ich sie plötzlich vor mir liegen, wenn ich unachtsam die nächtigen Stufen einer Kirche emporstieg ..
O Armut Roms! Die am Tage über die alten blinden Bettler klagen und nicht mehr wissen, wo ein Almosen frommt und wo nicht, mögen des Nachts an die Kirchentreppen gehen und stumm den Schlafenden die stumme Wohltat erweisen. – –