Schweigend verließen wir die Terrasse der Trinità de' Monti und gingen nach der Via Veneto zurück. Auf dem freien Platz vor San Isidoro nahm ich Abschied, um nach der Piazza Barberini hinabzusteigen. Der Tritonbrunnen warf mir das Silber seines Wassers entgegen, als ich in das Innere des Hauses trat.
Ich konnte lange nicht schlafen. So fing ich an, in der Geschichte der frühen römischen Kaiser zu lesen, bis zu Caligula hinauf. Schon flog die blasse Röte des Morgens durch die Luft, als ich das Licht löschte; in einem fernen Hof fing eine Magd schon an zu singen, eine jener langgezognen römischen Melodien, die um einen ruhenden Ton kreisen und wie ein müder Brunnenstrahl immer von neuem in sich zurückfallen. Die harten Blätter der Platanen raschelten im leichten Frühwind, eine Schafherde kam die Via Sistina heruntergezogen und verschwand in der Via Quattro Fontane.
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Ein hellblauer Morgen sprühte herauf. Es war kühler geworden. Die Tramontana wehte; in allen Fensterscheiben, in allen Wipfeln flog der Glanz der Frühe auf und nieder. Von den Blumenständen sprangen die Farbflecken auf: hochrot und gelb, weiß und blau. Die weißen Tücher auf den Tischen vor den Trattorien flatterten über die Kanten empor, die Schreie der Ausrufer hallten doppelt laut und deutlich durch die klare Luft aus den Straßen herauf, der Tritonbrunnen warf seinen Strahl von einer Seite auf die andere.
Ich verließ das Haus sehr zeitig. Da der Morgen an den Tag meiner ersten Ankunft in Rom gemahnte, ließ ich mich auf großen Umwegen über die Piazza delle Terme, durch die vielvertraute Via Cavour, an den Treppenschnüren von Santa Maria Maggiore vorüber, und durch den Spezereiduft der Via Baccini bis zur Piazza Aracoeli fahren. Hier stieg ich aus. Wie so oft schon, blieb ich am Sockel des Löwen lehnen, der zwischen dem Aufgang zum Kapitol und der unvergleichlichen Treppe zur einsamen Kirche Santa Maria in Aracoeli ruht. Diese Stufen fließen in das Licht empor. Sie sind Welle geworden, die golden an die schlichtgewölbte Eingangstüre der nackten Fassade anschlägt. Keine Verzierung schmückt die leblose Fläche dieser hohen Wand: nur die zarte Narzisse einer gotischen Rosette öffnet zur Linken des Torbogens ihren achtzackigen Stern und blüht vor dem Hochaltar der Mutter Gottes, die bei den Römern als Juno Capitolina an der gleichen Stelle im Haus der weißen Säulen wohnte. Es müßten Kinder kommen an einem solchen Morgen, Kinder in weißen, flüsternden Kleidern, Blumen mit ihren kleinen Armen an die kleinen Brüste drücken – Kamelien und Azaleen – und die Stufen hinaufflattern, indes die Blüten hinter ihnen niederrieseln .. Ihre dünnen, silbernen Stimmen müßten sich zum Gesang erheben, so daß eine Woge von Weiß vor den Thron der einsamen Frau strömte, die fern vom Glanz prunkvoller Kirchen hier über allen Giebeln thront.
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Ich ging zum Kapitol hinauf.
Ich blieb lange bei Caligulas Traurigkeit.
Von seinem Vater Drusus konnte Helle in seinem Leben sein. Man sagt auch, daß er als Knabe fröhlich war. Von seiner Mutter Agrippina, der Enkelin des ersten Augustus, hatte er das Trübe, Gequälte. Ihr Schicksal warf einen schweren Schatten. Sie war voll Größe, voll Herrschsucht und Mißtrauen. Sie wagte, die Feindin des Tiberius zu sein und büßte mit Verbannung. Man tötete ihre beiden ältesten Söhne. Das ertrug sie nicht. Sie gab sich selbst den Hungertod.
Trüb und hart ist das Auge Caligulas, wie es die Büste zeigt, trüb und hart die selbstquälerische Stirne, unwillig, doch unberührt der Mund.