Ein Wüstling? Nie. Ein Gelähmter, Zurückgebliebener, verstört durch das unerhörte Schicksal seiner Mutter, das seinem harmlos-heiteren Geist den Glauben an die gute Ordnung der Dinge nahm. Grausam: aus Mißverständnis. Willkürlich: aus zerstörtem Glauben. Voll Größenwahn: weil im Erstarren seines Willens die Masse für die schöpferische Tat verloren gingen. Verloren: da er sich selbst nie besaß.
In eines Mannes Sinken wird das Sinken eines Volkes klar .. Ewiges Gesetz des Verbrauchten, Stoff, der sich selbst vernichtet.
Seele Roms!
Wunderbare Trauer Roms!
»Rom sank und sinkt ..«
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Eine Stunde später stand ich vor der Büste des jugendlichen Augustus in der Sala dei Busti des Vatikan. Ich war zu Fuß gegangen, das linke, eintönige Tiberufer entlang und an den Palästen der Falconieri und Farnese vorbei. Oft genug hatte das Auge das frische Grün des Janiculushügels gesucht, ehe es wieder am bräunlichen Schillern der Flußwellen unter den Brückenbögen haften blieb. Ich durchquerte den Borgo Vecchio, um auf den Petersplatz zu gelangen. Die trübsten Toreingänge und Kaufgewölbe hatten an diesem Morgen einen Schimmer von Helle aufgefangen, der grünliche Beschlag der Wände schien weniger krank und modernd, der stickige Atem der Kramläden war in dem schmalen Streifen Bläue verflogen, der hoch über den engen Giebelfluchten stand. Nur das unergründliche Gemisch der römischen Gerüche war geblieben: ein widerwärtiger Duft vom Blut der frischgeschlachteten Tiere, die an gebogenen Hölzern vor den Türen hingen, die scharfe Süße alter Orangen und Zitronen, Parfüme von Zimt und Pfeffer, von Nelken und Öl, von dem Bodensatz geleerter Weinfässer, die vor den Kellern lagen, und dem süßen Fäulnisarom halbwelker Rosensträuße, die jemand auf die Straße geworfen hatte. Schmutzige Kinder lagen auf den Pflastersteinen, Weiber in hellen Blusen schrieen sich über die Straße unverständliche Worte zu und fuhren sich mit den hölzernen Stricknadeln in das geölte Haar, in der Stube eines Barbiers lehnte am abgeschabten Plüschsessel ein braungebrannter Bersagliere und log den Umstehenden Kasernengeschichten vor. Der Hahnenbusch auf seinem Helm ging wie ein Wedel durch die Fliegenschwärme ..
Der Kopf des jungen Octavian zeigt die Verwandtschaft mit Caligula. Was aber bei dem Urenkel krankhafte Übertreibung und Verfall war, ist hier von wundervoll bewußter Kraft gemäßigt und gebunden. Nichts als ein großer Wille steht in diesen Zügen, dunkel und grüblerisch, vom Schicksal für eine Aufgabe vorbereitet, die der Neunzehnjährige wohl gläubig ahnen, doch nicht entwickeln konnte. Berufensein und leidenschaftliche Sehnsucht nach Erfüllung bestimmen den Ausdruck dieses jugendlichen Gesichtes. Der Geist hat die Herrschaft, nicht das Gefühl, noch viel weniger die Sinne. Herrisch geht über das rechte Auge die abgebrochene Braue, und über die Braue die unerbittliche Falte des Grüblers. Dieses Antlitz hatte keine Träume, es hatte einen Traum. Daraus wuchs das Spiel der Kräfte: Einsicht und Machtbegabung mischend. Das Lebensgesetz, das tiefe, unbewußte Künstlertum des römischen Staatswesens hat sein Symbol in diesen Zügen: zu herrschen durch die Kraft, die sich selbst das Gleichgewicht zu halten weiß: die alle Gegensätze aufsaugt, in dem sie alle einem Endziel dienstbar macht.
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Auf der steilen Strada delle Mura, die das Stadtviertel des Trastevere abschließt, ging ich der Villa Doria Pamphili zu. Ein Verlangen nach Grün, nach stillen Wiesenflächen trieb mich aus der Stadt. Schon stand die Sonne hoch, der Wind war in die oberen Lüfte gezogen und spielte in den Kronen der Bäume. Unter den Pappeln einer kleinen Osteria, die zwischen hellen Kleefeldern ein wenig abseits vom Wege lag, hielt ich kurze Rast. Ich ließ mir Brot und Wein bringen und sprach mit der Bäuerin, die über einer großen irdenen Schüssel Bohnen schälte. Ihr Mann hatte Artischocken in die Stadt getragen zu einem Wirt an der Piazza Navona, der sie auf eine besondere Art zuzubereiten verstand. Er zahlte gut, weil ihn die Fremden gut bezahlten. Die Fremden! Sie lachte mir in das Gesicht, als sie die Worte wiederholte. Ich nickte. »Aus welchem Land ich sei .. Warum die Deutschen so gerne nach Rom kämen .. Warum sie so selten im Wagen fahren und so oft auf den schlechtesten Feldwegen spazieren gehen. Im Februar seien des öfteren zwei junge Leute gekommen, um Veilchen auf den Wiesen der Villa Doria Pamphili zu suchen, ganze Hände voll Veilchen. Einmal habe sie ihnen einen kleinen Bastkorb verkauft, da sie die Blüten nicht mehr in Händen halten konnten .. In wenig Tagen werde der Mohn in den Kleefeldern vor dem Hause aufgehen, dann müsse ich wiederkommen. Gegen abend, wenn die Kuppel von St. Peter zwischen den beiden Pappelbäumen hart über dem Scharlachrot stehe ..«