Im Inneren des Hauses schrie ein Kind. Sie stellte die Schüssel auf den Tisch und lief davon. Der Geruch der frischgeschnittenen Bohnen wehte auf, ein Geruch von Erde und Regen, im festen, kühlen Grün gemischt. Ich trank meinen Wein aus und ging auf der schattenlosen Straße bis zum Park der Villa weiter.
Dieses Grün nimmt dich hin, es macht dich leicht und trägt dich empor in das ruhige, ruhige Blau über seinen Wipfeln. Du hebst die Arme auf, die stille Seligkeit zu fassen, die unaussprechlich bleibt und doch so nah, so greifbar wirklich ist. Dann gehst du weiter und weißt kaum wie, Wege öffnen sich und schließen sich im schweren Laub, öffnen sich wieder und weisen in eine runde, goldne Helle, ganz fern .. unerreichbar fern .. Lässig wandelst du hinab im Spiel der Sonnenkringel.
Das Rund des Ausgangs erweitert sich, wo nur Licht war, steht wieder Landschaft, eine Wiese steigt zu stillen Steineichen hinan, Sternblumen und Salbei blühen im hohen Gras. Geblendet trittst du in die Lichtung. Bienen schwirren. Die Statuen am Giebelsims der Villa glänzen. Die Blumenvasen oder Feuerpfannen auf dem höchsten Geländer des Daches glänzen. Ein neuer Lorbeerweg führt zu einer neuen Lichtung. Vögel flattern. Auf dem Spiegel eines Teiches gleiten hochmütige Schwäne. Pfauenaugen tanzen über den Halmen. Vor dir liegt wieder offnes Land, die braune Campagna, und hinter ihr Frascati, der Monte Cavo mit den Häusern von Rocca di Papa über den alten Kastanienwäldern. –
Glocken drangen durch die Stille. Es läutete Mittag. Die Stunde war gekommen, nach San Pietro in Montorio hinabzusteigen und Rom enthüllt im Wüten des Lichtes zu sehen.
Das Auge, noch eben gehütet von der Sanftmut des unbewegten Grüns, stürzt in ein Gelb, ein Rot, ein Weiß hinab, so jäh, daß sich die Wimpern schmerzend schließen. Es hilft dir nichts, daß du im Laub des fernen Pinciohügels Beruhigung suchst: eh noch dein Blick auf diese Höhe gelangt, haben ihn tausend aufreizende Lichtspeere getroffen, die aus der Tiefe schießen, feindlich und wild. Aus allen Glasfenstern springt dir die erhitzte Helle entgegen, aus den Bleirinnen der Dächer, aus den Kupferplatten und Goldbändern der Kuppeln, aus dem Marmor der Säulen und Friese, aus den Schuppen der Tiberwellen, aus Höfen und Winkeln, aus jeder kochenden Wand. Ganz Rom ist nichts anderes mehr als ein sinnloses, steinernes Gleißen, hart und verräterisch. Rom wirft sich zum Kampf auf gegen das spähende Auge, wie die belagerte Stadt sich vor den Blicken der Spione wehrt. Sein rätselvoller Dämmer droht zu zerstieben, seine purpurne Macht zu verblassen: Zerbrochene Mauern, zerbröckelnder Kalk, Dächer, von Ruß geschwärzt, mit fehlenden Ziegeln, Höfe voll Unrat und Verwesung, verstaubte, erblindete Fenster mit geborstenen Rahmen, trostlose Stuben mit armen, zerlumpten Betten, Balkone mit klaffenden Eisengeländern, durch die ein Kind auf die Straße stürzen kann, zerschlagene Schornsteine, aus denen die Funken im niederwehenden Rauch auf die Dächer fallen, durchlöcherte Dachrinnen, die das schmutzige Regenwasser nicht mehr halten können. Wer nennt, was er sieht?
Und was will zuletzt all dieses Zerfallende und Zerbröckelnde noch vor einem Himmel heißen, der seine Gnade unerschöpflich ausgießt und das Verwahrloste immer wieder in den tiefen Schutz seiner Bläue aufnimmt?
Luft schon ist Hülle hier, Luft schon heilt die Wunden. O Rom! wage, dich preiszugeben! Noch mit deiner Schwäche wirst du siegen, mit deinem Elend noch Entzückung streuen. Unverwundbar bleibt die Herrschaft deiner Schönheit.
Ich wende die Augen nach Süden: Ich sehe den Monte Testaccio, den Scherbenberg, auf dem die uralten, zertrümmerten Weinkrüge der Römer wieder zu Staub geworden sind. Ich sehe die einsame Pyramide des Cestius und ferne die Kuppel St. Pauls. Ich sehe die träumenden Hügel des Aventin, San Sabas wehmütig wiegende Erlenwipfel über dem Dach, San Alessios Türme, und ich errate die Gärten, die unter dem Priorate der Maltheser zum Fluß hinabsteigen.
Ich wende die Augen nach Osten: Feldwege kreuzen im Licht, vor Lorbeergesträuch und Pinien hebt sich die Villa Celimontana, und hinter ihr San Stefano Rotondo. Ruhig im Golde, fern und gelassen, breitet der Palatin seine Mauern, seine Zypressen wachsen hoch in die Bläue wie die Statuen am First des Lateran. Bläue bricht aus den Fensterhöhlen des Kolosseum, Bläue aus den Wipfeln des Esquilin.
Ich wende die Augen nach Norden, die Kuppel des Quirinals überfliegend, die Zypressen der königlichen Gärten und die schmale Säule Trajans. Wie flammt die Villa Medici neben den Türmen der Trinità! Wie mögen meine Brunnen rieseln im heißen, stummen Mittag, wie mag das Gold ihrer Tropfen schwer und gesättigt in die dunkelgrüne Tiefe des untersten Beckens fallen ..