Ich ließ Wein und Zigarren bringen. Sie saßen alle um mich, Pferdeknechte und Bauern, Steinklopfer und Gärtner, Schiffer und Maurer – und ich erzählte von meinem Land: von Arbeit und Lohn, von Achtstundentag und Sonntagsruhe, von Heer und Flotte, von Verwaltung und Gericht .. von allem, was einem Wunsch oder einem Bedürfnis ihres einfachen Lebens entgegenkam. Sie warfen Fragen dazwischen, sie stellten Vergleiche an, selbst die Wirtin hatte sich herangesetzt und hörte mit zu.

Es war fast ein Uhr, als ich aufbrach. Alle boten ihre Begleitung an. Ich bat einen oder zwei, mich bis zur nächsten Haltestelle der Wagen zu bringen. Ich fürchtete, der Hinausgeworfene könne irgendwo im Dunkel auf mich lauern. Aber es ließ sich niemand blicken.

»Porco d'un Napoletano!« sagte Giuseppe, während er in weitem Bogen ausspuckte ..

*

Ich ging mit Axel dem Palatin zu. Am Eingang der Via San Teodoro nahm uns blauer Schatten auf. Wir blieben bei den Pferden stehen, die Tag für Tag vor einer Stallung dieser Straße an niedrigen Wassertrögen geputzt werden. In den großen Augen der Tiere schwamm das Gold des Abendlichtes. Axel streichelte die Nüstern eines schlanken, braunen Füllens und legte den Kopf an die weiche Seide des dünnen Halses. Der Knecht ließ Bürste und Striegel sinken. Er sah mich an, wie wenn er meine Bestätigung suchte und sagte strahlenden Auges:

»O l'aspetto! la testa d'un bel cavallo e la faccia d'un bel Signorino ..«

Wir traten schweigend durch die schmale eiserne Schranke des Eingangs auf den Grasweg, der zur Höhe des Palatin führt. Die späte Sonne lag auf den Mauerzinnen. Das schwere Grün regloser Wipfel grüßte aus hoher Bläue. Durch kühle Bogengänge gelangten wir auf die Höhe, wo die Trümmer der Paläste liegen. Wir standen vor Blumenvestibülen, die den Schritt müder Kaiser in ihre Stille gelockt hatten, vor abgebrochnen Säulen, auf denen einst die goldnen Ziegeldächer ruhten. Unwillkürlich lenkten wir die Schritte nach den abgelegenen Mauern, die ganz von Maréchal Niel-Rosen bedeckt sind. Schon hatten einige Blüten die süße Streu ihrer Blätter auf das gebleichte Gras geschüttet. Wir wandelten auf und nieder, verloren uns für Augenblicke zwischen Gebüsch und Trümmern und trafen uns wieder vor dem Glanz einer Blume, vor dem Rätsel eines zartgemeißelten Säulenknaufs oder dem dunklen Aufbruch einer Zisterne. Axel hatte einen Grashalm durch den Mund gezogen und stand bloßen Hauptes gegen den Schatten einer Zypresse.

Alle Weiten waren süß und still im Abendlicht. Alle Büsche und Wipfel hatten das dunkle Gold der Lüfte fest an sich gezogen. Wir fühlten nicht mehr, daß Lärm von staubigen Landstraßen heraufdrang, Knarren der Wagenräder von hellgelben Feldwegen, die sich hinter dem Aventin und tief in der Campagna verloren. Wir waren so abgeschieden wie auf einer einsamen, spät umsonnten Waldwiese, die die Nacht kommen fühlt. Wir ließen uns im Grase niedersinken bei hohen, gelben Ginsterbüschen und suchten über uns das weiche Schweben breiter Pinienkronen, das Flattern einer Lerche, die singend aufstieg. Wir sahen nach den Oleanderbäumen hinüber und fanden die weißen und roten Knospen weiter aufgeschlossen als am Tage zuvor. Wir suchten das Gerank der Winden und staunten, wie hoch es in die Baumwipfel hineinwuchs. Wundervolle Winden gibt es auf dem Palatin: Kelche aus seidenem Samt, tiefblau und weiß, und manche mit purpurnen Zungen auf violettem Grund. Sie hängen aus Efeugebüsch nieder, sie drängen sich aus der grünen Wildnis feuchtwarmer Ecken ans Licht und säumen die Ränder des Weges. Süß ist ihr Hauch und krankhaft zart wie der Nachduft einer feinen Salbe. Sie trinken ihr Leben aus der Tiefe des Tages. Wenn Dämmerung naht, schließen sie langsam die Blumen und sterben. Sie ertragen die Hand der Menschen nicht. Die scheueste Berührung läßt Wunden und tötet ihren Schmelz. – –

Später gingen wir bis hinter den Palast des Septimius Severus und sahen nach der Appischen Straße hinunter. Mohnfelder wuchsen die stillen Hügel hinan, schwere Gespanne zogen heimwärts. Der Fremde, der dort unten den Abend kommen fühlt, schreitet rascher aus und bannt ein Grauen am letzten Sonnenglanz der Kuppeln. O Heimweh vor den Toren Roms! Wie wehtest du uns an, als über den Villen von Frascati bleiche Rosenkränze aufblühten und die Erlenwipfel über San Sabas Hof sich leise regten. Axel sah mich lange an. Seine Brauen waren hochgezogen, das ganze Gesicht in unendlicher Bewegung angespannt:

»Fühlen Sie es auch?« fragte er, fast ohne den Mund zu öffnen ..