Ich senkte die Stirn.
Er atmete tiefer.
»Wir müssen zurück in unsere nordische Seele. Dieses Land nimmt uns die Fröhlichkeit. Es macht uns feierlich. Wir sind zu weich. Wir fühlen zu viel Schönheit und haben keine Waffen. Es hilft uns nichts, daß wir schöne Strophen schreiben, um unser Übermaß an Fühlen zu bannen: die Künste steigern nur, sie mildern nicht. Sie vertiefen alles und lösen nichts.« – –
Wir wandten uns und gingen die Terrasse entlang nach rückwärts, um den Ausgang zu erreichen, der zur Via di San Gregorio hinunterführt. Der Abhang lag im Schatten. Zwischen Rosengebüsch und Lorbeersträuchern traten wir auf das Mohnfeld, das sich bis zur Straße hinabzieht. Dann durchquerten wir den Konstantinbogen und gingen dem Forum zu. Ein Wärter, der uns kannte, öffnete eine schmale Seitenpforte. Vor einem kleinen Wasserbecken setzten wir uns nieder. Rosen umblühten den Rand der Einfassung. Die Abendröte spiegelte tief in dem unbewegten Gewässer.
Und Axel Arnedal begann von Schwedens Buchenwäldern und weißen Sommernächten zu erzählen ..
Wir beschlossen den Tag auf dem Aventin in San Sabas stillem Orangenhof. Zwischen den niedrigen Hecken der Obst- und Weingärten führt der Feldweg zur Kirche empor. Brennesseln wuchern am Rain, Königskerzen, Winden und Schirling. Tiefe Furchen zeigen den Lauf der Karrenräder. Gesang der arbeitenden Mädchen schwingt über der grünen Einsamkeit. Eine ferne männliche Stimme antwortet, noch weiter hebt eine andre die neue Frage auf .. und kaum noch vernehmbar zittert im letzten Lichtsaum der Gegensang. Taubenschwärme fliegen aus den Beeten auf. Wasserträger kommen von den Brunnen, am Ende des Pfades winkt die kleine Kirche. Die Säulenbögen des oberen Geschosses stehn in stillem Glanze. Übervoll vom Dufte der Orangenblüten ist der kühle, feuchte Hof. Die Seele des inneren heiligen Raumes, ergreifend schlicht und unbeholfen, enthüllt die frühesten christlichen Jahrhunderte. Die hierher beten kommen, sind arme Bauern, die rings ihr Feld bestellen und Gott um Regen oder Sonne anflehen.
Wir blieben lange und gingen erst nach Sonnenuntergang. Vor uns, im blassen Grün der Lüfte, schwebte die überirdisch-süße Säulenapsis von San Giovanni e Paolo.
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Tivoli: Wenn das Auge lange genug auf dem blauumdufteten Grün der Bergkuppen geruht hat, wenn es vollgesogen ist vom honiggelben Überfluß der Ginsterblüten, vom Regenbogenschimmer des aufwirbelnden Kaskadenstaubes, mag es tief in der dunklen Stille des Gartens versinken, der an den Treppen der Villa d'Este niedersteigt.
Hier ist vollkommenes Abgeschiedensein wie auf dem Palatin. Auch Schritt und Stimme fremder Besucher vermögen nicht mehr die versunkene Seele aufzuscheuchen. Aber es ist ein anderes Alleinsein, in das du hier untertauchst: weniger weit, weniger unbestimmt. Du fühlst dich deiner eigenen Zeit und ihren Träumen näher, das Raunen dieser Stille ist dir vertrauter. Wie süße, zu keiner Melodie gebundene Musik webt es über den Wipfeln. Ein Windhauch hebt die Töne auf, ein andrer verwischt sie und trägt sie weiter in das hellgrüne Leuchten einer Wiese oder in den Schattengang der ewig unbewegten Zypressen. Aus den Wassern steigt das unwirkliche Lied und versinkt in den Wassern, wie der kurzgebrochene Lauf einer silbernen Windharfe. Nur wo das Lorbeerdickicht jeden Atemzug der Lüfte bannt, wo feuchter Dunst in schwarzen Hecken steht und Asfodelen blühen, müssen die Klänge verstummen. Verwitterte Steingesichter sehn dich klagend an, zwischen Unkraut zerbröckelt der graue Rand geschweifter Vasen. Es hält dich nicht länger im Brüten dieser Einsamkeit. Leichter erträgt sich das Wunder des Gartens am Rande der breiten Steinbecken, in die das kristallene Bergwasser einströmt: grün wie die Bäche, die aus Gletschern stürzen. Steineichen lassen die Äste auf der Flut schleifen. Gold der Lüfte tröpfelt zwischen den Zweigen. Dein schwankendes Antlitz lächelt aus dem bewegten Grunde zurück. Bläue wiegt sich im schaukelnden Spiegel. Helle, feierliche Bilder werden geboren: Von den Treppen steigt im Morgenlicht die Prozession. Scharlach unter gelben Baldachinen, weißwehende Gewänder blumentragender Frauen. Die Weihrauchfässer dampfen .. die Litaneien ziehen dem Zuge nach.