Ippolito d'Este, der Kardinal, wußte, was er zuweilen dem Volk von Tivoli schuldig war. Aber dann blieben die Gärten wieder verschlossen .. die tiefen, kühlen Gärten mit dem Geheimnis ihrer anderen Feste ..
Ganz am Ende der südwestlichen Mauer ist ein kleiner, halbrunder Ausbau. Dort saß ich lange mit Axel und betrachtete das Land, das sich hinter Ölbaumhügeln und Weingärten dehnte. Schirlingsträucher, hoch wie ein Mann, schossen im Mauerwinkel empor und hoben den feinen Schattenhauch ihrer Blumen aus dem Schaft .. ganz in der Tiefe zog die Straße, weiß und verstaubt, nach Rom. Da die mattsinkende Sonne einen Abend von Purpur und Lila versprach, ließen wir den Wagenlenker die Richtung von Nemi einschlagen. Axel deutete im Vorüberfahren nach der Zypressenallee der Villa Adriana und fragte:
»Wissen Sie, ob Antinous mit dem Kaiser nach Rom kam und dort am Hofe gelebt hat?«
»Ich weiß es nicht. Doch glaube ich, daß Antinous schon gestorben war, als Hadrian in die Hauptstadt zurückkehrte.«
»Wie qualvoll muß ihm diese Heimkehr gewesen sein, wie traumlos! Er hatte seinen Gott verloren, die Schönheit, welche ihm Welt und Kaisertum erträglich machte ..«
Axel hatte sich mir zugewandt. Sein weiches Profil stand gegen das getrübte Orange des westlichen Horizontes. Leidenschaftlich fuhr er fort:
»Ich habe nie ohne Ergriffenheit gelesen, daß das Volk dem Liebling seines Kaisers Altäre baute, ja daß die christlichen Priester noch bis in das fünfte Jahrhundert gegen diese Kulte eifern mußten« – –
Schon flog ein bleiches Grün am Rande der Himmelswölbung empor, als wir den Hügel von Frascati umfuhren. Von den Kuppen war der letzte Sonnenglanz gewichen, sie standen basaltblau gegen die graue Seide des oberen Äthers. Kein Hauch ging in den Wipfeln. Erstarrt in seiner Armut lag Albano, ein Haufen bröckelnden Gesteines, Ariccia, etwas heller auf der Höhe, Genzano, leicht von safrangelbem Schimmer überflogen .. erblindet aber, leblos, im schwarzen Grunde fiebernd, der Nemi-See. Ob die Mittagsonne goldne Nägel in das Blei des brütenden Gewässers schlägt, ob Abendblau von allen Hügeln fließt, ob Veilchenpurpur aus dunstigen Sonnenuntergängen fliegt wie nun, da wir im Garten der Villa Cesarini standen und in die Tiefe sahen: immer wohnt hier der Tod. Schrecklich ist dieses Wasser, ohne Frische, ohne Atemzüge, leblos von der erschütterten Flanke eines Kraters aus vergiftetem Grunde heraufgespült. Es ist kein Friede über dieser Landschaft. Hier ist nichts ausgeruht und nichts voll Wonne an die Abendkühle hingegeben. Hier ist nur Tod, metallener Tod: Stahl die Berge, Messing und Kupfer der Himmel, Quecksilber die Flut.
Axel trat von der Mauerbrüstung zurück. In seinen Zügen lag eine Abwehr wie von bitter Gekautem:
»Ich hasse dieses Gewässer. Es graut mich vor allem, was krank und verdorben ist. Ich bin lüstern nach dem, was strahlt und weht« – –