Eine Pförtnerin öffnete das Tor.
Wir schritten entblößten Hauptes den tiefen, von dunklem Laub gewölbten Gartenweg hinab zur goldnen Lichtung, in der Sankt Peters ewige Kuppel stand.
Abwehrend liegt das Priorat des großen Ordens am steilsten Abhang des Aventin. Sein Garten steigt zwischen dichten Mauern in kleinen Terrassen die Böschung hinunter und öffnet seinen stillen, grünen Schoß der Abendsonne. Alles in diesen Laubgängen, in diesen Blumenbeeten deutet auf Abend, auf Frieden und Entlastung, auf lange, klare Gespräche, auf Sammlung und Traum. Wenig Fremde kommen hierher: wenige wissen von dem Geist, der hier um Baum und Blume schwebt, von der stillen Heiligkeit, die kaum ein ungebetener Schritt stört. Wer hierher geht, weiß im voraus, wo er ist. Und was er erwartet, fließt aus dem Einklang seiner Seele mit der Seele des Bodens, auf dem er wandelt: Wie tief ist das Gefangensein im Dämmer dieser Hecken, im Sonnenlicht, das um die alten Steinbänke spielt. In einem kleinen Brunnen singt der scheue, silberne Strahl Rosen und Schwertlilien das nie verstummende Lied, so zart-erinnerungsvoll im windverwehten Fall der Töne wie das Flötenlied eines Hirtenknaben hinter verlorenen Halden. Aber die schwache Melodie überschwebt nur den tiefer wogenden Gesang, den sie im Ohr des Lauschers weckt: Hymne der Liebe, welche den großen Gedanken im Herzen erregt und die große Tat.
Arm in Arm wandeln die wieder erwachten Schatten der Ritter die stillen Pfade herauf: La Valette und der Marquis von Posa, St. Priest und Créqui, die Helden von St. Elmo. Malta steigt auf, steinern und rosa aus dem Email des Meeres gegen den Himmel getürmt, lodernd wie der Glaube seiner Hüter.
Da fällt das Heimweh über dich: das namenlose uralte Heimweh des Vaterlandslosen nach seinem Vaterland: nach den Reichen des Geistes, der dich selbst beseelt und mit den Widerständen einer entgötterten Zeit ringt. Du weißt es, daß Tausende wie du im Dunkel glühn und leiden, du weißt es, daß tausend Sehnsuchten, der deinen gleich, die helfend-verbündete Sehnsucht suchen, daß ein Wille nach Zusammenschluß in all diesen Zerstreuten lebt, die einzeln unfruchtbar, als Ganzes eine unbesiegbar schöne Macht bedeuten müßten. Wenn einer käme, vom gleichen Geist erfüllt, zum Herrschen geboren und zum Wirken berufen, und seine Stimme zur Sammlung durch alle Länder schickte, Befreiung und Schönheit eines klaren, einfachen Lebens verkündend: wenn die Gefesselten sich um ihn scharten: so könnte ein Sturmwind durch die verängstete Menschheit fahren, forttreiben, was im Innern krank und verkrüppelt lebt und reinigen, was in verfaulter Luft geatmet hat. Wenn ein solcher käme und schüfe wieder Gleichgewicht! Setzte den Leib als unbedingtes schönes Maß und gäbe dem Geist die Herrschaft in der vorgeschriebenen Umgrenzung .. vertiefte die Irdischkeit und ließe das Feuer des schöpferischen Willens das Wirkliche so rein durchglühen, daß in der einfachsten menschlichen Tat die Gottheit fühlbar würde und Gestalt annähme! Wenn sich ein Orden derer formte, die das große Beispiel gäben: die aus der Arbeit an sich selber den Glauben an ihre Fruchtbarkeit nähmen, und dem Geiste getreu lebten, der nur dem Werk und nie dem Wirkenden dient!
NEAPEL / ÜBERFAHRT NACH SIZILIEN
Neapel: Stadt voll ewiger Gegenwart, hellblau- und goldene Bewegung, Wehen von tausend bunten Tüchern im Winde, göttlicher Schmutz und göttliche Faulheit, Volk, nichts als Volk, frech und bescheiden zugleich, stolz und anschmiegsam, verdorben und harmlos, bezaubernd betrügerisch, maßlos in seiner Freude am Geld, sinnlich und wundervoll schamlos, ganz Körper, ganz Lust, ein Volk, in dessen Leben du gleitest, ohne zu wissen wie. Das ist nicht mehr das bewußte Hinabgehen zu den kleinen Leuten wie in Rom, das Aufsuchen ihrer Stadtviertel und ihrer Schenken: wo du gehst, wo du nur einen Augenblick verweilst, bist du mitten unter ihnen. Sie laufen dir nach, sie schreien dir zu, sie winken, sie bieten tausend verlockende Dinge an, Katzen und Hunde, Vögel, Blumen, Dirnen, Kuchen, Karten, Knaben, Eis, Zuckerwasser, Kastanien, eine Ziege .. Wenn du nur ahnen läßt, es könne dich irgendeine dieser Anpreisungen locken, bist du verloren. Du kannst nicht weitergehen, sie rühren dich an, der Hauch ihres schreienden Mundes streift dein Gesicht, die Flamme ihrer Augen lodert dicht vor deinen Augen, ihre Stimme wird bittend, einschmeichelnd, listig und überzeugend, die Hände helfen der Stimme nach, sie schließen sich in den Fingerspitzen am Mund, sie öffnen sich wieder, wenn sie ein leidenschaftliches Ecco begleiten. Erst wenn du die Redenden durch eine unerschütterliche Ruhe fühlen lässet, daß du längst dies alles kennst, wenn du nur lächelst und sie mitlaufen läßt, so lange sie wollen, ohne ein Wort des Unwillens (warum auch Unwillen?), bleiben sie langsam zurück. Aber einer oder zwei werden dir dennoch weiter folgen, vielleicht in einiger Entfernung und ganz voll neuer Angriffspläne. Sie warten, wenn du in ein Haus trittst, bis du wieder herauskommst, sie werden sich auf den Treppen herumtreiben und Würfel spielen. Nimmst du einen Wagen, so kann es leicht geschehen, daß sie auf dem Trittbrett mitfahren. Laß sie ruhig da stehen. Es ist ja so schön, in ihre verbrannten, verwahrlosten Gesichter zu schauen, denen kein Schmutz das Leuchten und das knabenhafte Gaunertum nehmen kann. Laß sie immer wieder bitten und betteln: Der Tonfall ihrer Sprache ist das Lied, das deine Fahrt begleitet. Sag ihnen, sie sollen sich auf den Boden des Wagens setzen, zünde dir eine Zigarette an und reiche ihnen wie einem Signore das Etui: Du wirst erstaunt sein, wie zurückhaltend-liebenswürdig sie sich eine Zigarette nehmen, die kleinste, die zerdrückteste .. frage sie dann nach ihren Eltern, nach ihren Geschwistern, nach dem Gehen und Kommen der großen Dampfer (sie wissen genau die Namen und den Fahrplan, denn der Hafen ist seit ihrer frühesten Kindheit ihr Leben) .. frage sie nach ihren Vergnügungen und ihren Plänen: und du wirst so reizend plaudern wie mit deinesgleichen, sie werden ganz im leichten Ton deiner Frage antworten, höflich und sicher. Sie werden vergessen, daß sie irgend etwas von dir wollten, sie fahren ja spazieren, sie rauchen, und sie machen eine Unterhaltung mit einem Signore. Gehst du vielleicht zu deinen Bronzen oder Marmorstatuen und bist geneigt, ein Äußerstes zu tun, so nimm sie mit, wenn sie schön genug sind. Lasse sie neben dir die Wehmut des Antinous betrachten, und die Herbheit des Doryphoros, den ruhenden Hermes und die Nike im Flug. Sieh, wie ihr Auge diese Schönheit liebkost, wie sie sich in das Leben dieser Statuen hineinlehnen, das ihnen wirklich lebt und nicht erstarrt ist .. ja sieh, wie ihre Haltung unwillkürlich nachahmt, was sie sehen, wie sie zu lauschen scheinen mit Narziß-Dionysos und nachsinnen mit dem feinen, gedankenvollen Antlitz des athenischen Epheben. Gewiß: sie fassen nicht die Seele, nicht den inneren Sinn dieser Werke: aber sie spüren an sich die ganze unbewußte Macht der künstlerischen Schöpfung, die ihnen Liebe und Ehrfurcht erweckt. Sie fühlen, daß diese Werke unantastbar sind, jenseits von allem, was der Tag ihrem einfachen Augenblicksleben zuträgt, und sie ehren die Gottheit, indem sie das Göttliche bewundern.
Dieses Volk von Neapel ist noch das einzige, in dem du die griechische Seele auf römischer Erde findest. Noch lebt – von keiner Mischung des Blutes erdrückt – das Erbe der hellenischen Siedler in diesen Menschen. Es lebt die Leichtigkeit der Einfühlung, die unbeschreibliche Bewegung von Geist und Sinnlichkeit, die sie so süß-unwiderstehlich macht, selbst da, wo schon Zerfall und Entartung sichtbar werden.
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Nun war ich zum erstenmal am Abend in Neapel angekommen und hatte mich geradeswegs zum Hafen hinunterfahren lassen, um mich noch vor der Dunkelheit einzuschiffen. Ich wußte, daß ich mir selbst Gewalt antat, als ich so rasch und fast geschlossnen Auges die geliebten Straßen durchfuhr. An jeder Ecke winkte Erinnerung, und ich wäre fast umgekehrt, als ich, umringt von rufenden Männern und Frauen, dicht bei der Villa del Popolo, an der Immacolatella Nuova ausstieg. Schon ehe ich den Wagen verließ, war ein brauner Kerl auf das Trittbrett gesprungen und hatte mir lachend die Hand gereicht: er kenne mich wieder, er habe im vorigen Jahre mein Gepäck auf den Morgendampfer nach Capri gefahren, unten, bei Santa Lucia. Ein Schwall von Fragen stürzte dann über mich, auf die ich nicht eine einzige Antwort gab. Andere Träger wollten sich inzwischen über meine Koffer hermachen. Drohend und fluchend wies sie der zuerst Gekommene zurück, indem er die Lüge zu Hilfe nahm: er kenne mich sehr gut, ich habe ihm meine Ankunft gemeldet. Er ganz allein habe sich um meine Sachen zu kümmern, niemand sonst. Und aufgeregt das feuchte, erhitzte Gesicht mir zuwendend: »Non è vero? Signore? Signore! non dico la verità?« Ich nickte nur mit dem Kopf und klopfte ihm mit der Hand auf die Schulter. »Verissimo! Andate!« .. Der Streit war geschlichtet, es gab keine Widersprüche mehr. Das Gepäck wurde zusammengebunden, aufgestapelt und blieb am Ufer stehen, bis eine kleine Barke frei wurde, die mich zum Dampfer nach Palermo übersetzen konnte. Die Menge war ganz dicht an mich herangetreten. Kinder – irgendein Menschliches in prachtvollen Lumpen – kletterten über die großen Koffer und sprangen von oben in den Staub herunter. Weiber in halboffnen Blusen und schleifenden Röcken, die Arme über den tiefen Brüsten gekreuzt, versuchten die Namen der vielen bunten Plakate zu entziffern, ein alter Mann befühlte meinen Mantel und fragte nach dem Namen des Stoffes, und wie ein Luchs umschlich ein gelblicher Flegel von vielleicht zwölf Jahren die Schirmhülle, aus der die goldne Krücke eines Stockes herausschaute. Ein Hauch von Teer und Öl wechselte mit dem Fäulnisduft der schmutziggrünen Hafenpfütze. Die Sonne war im Sinken, die verwischten Schatten verkündeten, daß sie in Dünsten unterging.