Es war schwül, unendlich schwül.

Wir fuhren über. Der Dampfer lag weit draußen, weiter als gewöhnlich, da Schiff an Schiff sich in dem Hafenbecken drängte und kaum eine ruhige Anfahrt zu finden war. Die Wellen gingen hoch, die offne See hatte harten, stahlblauen Glanz.

Man hatte mir eine Kabine auf Deck gegeben, luftig, breit und rein.

Ich kam mit dem Kapitän ins Gespräch. Er schaute nach einem großen Dampfer, der dicht neben uns lag. Hunderte von Soldaten standen an Backbord und sahen nach dem Land zurück.

»Sie gehen in den Krieg nach Tripolis,« sagte der Kapitän. Ich war erstaunt über die Traurigkeit seiner Stimme und sah ihn an.

Er zuckte die Achseln:

»Wer weiß, wie viele zurückkommen? Es mag ja sein, daß dieser Krieg für unser Land notwendig war: ob er sich lohnt, ist eine andere Frage, von der das Volk nichts weiß. Es fließt viel Blut, und es wird viel gelitten. Sand, Wüste, Krankheit und die Wut der Barbaren. Wir kämpfen schon so lange und sehen so wenig großen Erfolg ..«

Er winkte einigen Soldaten, die vom hohen Rand ihres Schiffes zu uns niederschauten. Sie winkten wieder. Ihre Gesichter waren ernst, still und unbewegt, angespannt in verborgener Erregung.

Plötzlich kam ein Zittern in den Rumpf des Kriegsschiffes, ein dickes, schwarzes Tau fiel aufklatschend ins Meer, dichter Wogenschaum schoß weiß um den Bug .. dann abermals ein Zittern, stärker und leise dröhnend .. Schon ward die Drehung fühlbar .. Tücher wehten vom Uferrand, wo das Schreien der Menge verstummte, Tücher wehten vom Schiff zurück .. die Soldaten standen entblößten Hauptes, die Augen unverwandt auf die Küste richtend. Jeder Mensch, der in diesem Augenblick im Hafen war, fühlte, daß noch irgend etwas kommen mußte, das die entsetzliche Spannung löste, ein Aufschreien oder Aufjubeln, ein Rufen oder eine laut einfallende Musik, die die Qual dieser langsamen Loslösung in ihren Strudel riß: Nichts von allem kam. Aber wie von unsichtbaren Lippen begonnen, von hundert unsichtbaren Lippen aufgenommen und weitergeführt, schwebte mit einem Male dunkler Gesang in der dunkelnden Luft: kein Kriegslied, keine Landeshymne: nur das unaussprechliche:

Addio Napoli ..