Der Abend war trüb und schwül, die Häuser verschwammen schon in leichten Schatten: Da war es über sie gekommen, dies Unbeschreibliche, das selbst der Fremde spürt, dies Wehe, Hinsterbende des Abschieds, wie es nur die eine, unsterbliche Melodie zu sagen weiß. Und sie hatten der Stadt gegeben, was jeder Scheidende ihr gibt. –

Ich saß am äußersten Ende des Schiffes und sah auf die dämmernde Stadt. Meine Augen suchten aus dem Gewühl der Häuser loszulösen, was sie noch erkennen konnten. In dem leichten Dunst hatten sich Raum und Höhe verschoben, nur was vom Sonnenuntergang noch einen Schein auffing, war körperhaft und deutlich. Meine Augen ruhten lange auf dem schlanken Turm von Santa Maria del Carmine, und Konradins Andenken wurde wach. Sein armer, geschändeter Körper liegt dort begraben, unter dem Denkmal, das die Liebe des bayrischen Königs ihm errichtet hat. Nicht weit von der Kirche ist der Marktplatz, wo sein und seines Freundes Haupt fiel. An den Bäumen der Villa del Popolo wurden mildere Gedanken wach. Erinnerungen an warme, helle Abendstunden, als ich mit Bettlern, Viehtreibern, Kesselflickern, Straßenkehrern, Dirnen und alten Vetteln dem Vorleser lauschte, der das Schicksal des Grafen von Monte-Christo erzählte. O wundervoll zufriedenes und bescheidenes Volk. Wer sie so sitzen sah, so stehn, so liegen, so ganz in die Wunder der erdichteten Welt gebannt, eine Orange schälend oder an klebenden Datteln kauend und die Kerne weit im Bogen von sich spuckend .. wer ihren Schmutz so überstrahlt von innerer Einfalt sah, von einem Träumen, das nie den Neid kannte: der muß sie lieben, muß sie fast beneiden, die ganz am Boden leben, und doch so gern, so leidenschaftlich leben.

Meine Blicke wanderten im Halbkreis weiter bis zur Höhe von San Martino hinauf. Gitarren- und Zitherklänge wehten aus dem Dunkel weitgeöffneter Türen. Hier und da glomm schon ein Licht in hohen Zimmern auf. Ein später Dudelsackpfeifer ward einen Augenblick an einer nahen Straßenecke sichtbar und verschwand im Verhallen der Töne. Ganz fern erschienen über den dünnen Eisenstäben eines schwebenden Balkons die Köpfe zweier Ziegen. Die hellblaue Gestalt einer Frau ward neben den Tieren sichtbar. Sie ließ sich auf einem Schemel nieder und begann zu melken. – Über der nördlichen Stadt schloß sich der Himmel langsam wieder auf, weiße, flache Dächer fingen noch einmal an zu leuchten, Palmenwipfel zückten ihre schwarzen Spitzen in die safrangelbe Helle. Die Häusermassen rückten steilgeschichtet zusammen, was eben noch gedehnt-verwischt erschien, wurde eng und deutlich. Hügel kamen aus geöffneten Himmeln, lila und mildgewölbt. Villen blinkten auf. Der Seewind strich kühl über die Flanken des fliehenden Schiffes. Wir waren schon unter dem letzten Leuchtturm am Molo San Vincenzo. In einer plötzlichen Wendung nahm das Schiff südlichen Kurs. Eine Schelle rief zum Abendessen. Ich saß noch immer, in meinen Mantel gehüllt, allein am zitternden Steuerbord, ganz hingegeben an die ununterbrochene Verwandlung der weichenden Stadt. Mit jedem Wellenschlag sank sie mehr in sich selbst zurück .. mit jedem Wellenschlag entfaltete sie weiter den Kranz ihrer Hügel und die langen, glitzernden Schnüre ihrer Hafenlichter, von Santa Maria del Carmine über das Ufer von Santa Lucia bis an den Fuß des Posilipp. Schwarz-verschwommen tauchten noch einmal die Baumkronen der Villa Nazionale auf, glühende, selige Nachmittage weckend: Gewühl und Duft von weißen, dünnen Kleidern, lautes Lachen, Wogen vermischter Parfüme, Schwirren von Geigen im warmen Wind, Klirren von Tassen und Tellern, Aufleuchten der grünen, gelben, roten Getränke in den schlanken und flachen Gläsern, grüne, gelbe, rote, violette, weiße, blaue Flecken und Tupfen von hundert aufgespannten Sonnenschirmen – und nah, zum Greifen nah, das hochansteigende Meer voll wiegender Barken .. das blaue, kristallene Meer, endlos .. endlos ..

*

Ich ließ mein Essen an einem kleinen Tische auftragen, abseits von der großen Tafel, und schaute durch die offnen Luken auf die bewegte See. Die Wogen überschlugen sich rasch in schwarzem Glänzen, ganz in der Ferne hoben sich lange, weiße Kämme. Die ersten Sterne warfen ihr silbergrünes Licht in den letzten, rostigen Brand des Horizontes. Man fühlte, daß die Nacht kühl und klar sein würde. Es waren nicht mehr als fünfzehn Reisende im Speisesaal. Fast niemand sprach. Keiner kannte den andern.

Auf Deck erklang eine Mandoline. Eine tiefe Stimme fiel ein. Ich konnte die Worte nicht verstehen. Die Melodie hatte ich einmal auf Ischia gehört. Das Lied verstummte. Ein anderes Vorspiel begann, eine hellere, jüngere Stimme nahm den Gesang auf. Im Saal schloß einer das Fenster, ein dünner Sprühregen war über Tische und Sessel gefallen. Das Meer warf stärkere Wellen, die Schaumränder verzischten breiter und leuchtender. Das grüne Blitzen der Sterne wurde rosa auf dunkelgrauem, seidnem Grund.

Ich ging auf das Deck zurück, nach vorne, wo die Matrosen saßen. Sie grüßten. Einer stand auf und bot mir seinen Platz an. Ich dankte und setzte mich auf eine kleine Holztreppe mitten unter sie.

»Wir werden rauhes Meer bekommen?«

»Nein, Herr. Wenn wir an Capri vorbei sind, wird sich der Wogengang ausgleichen. Es ist immer im Golf bewegter als draußen.«

»Es fahren wenig Leute um diese Zeit.«