Und gleich darauf wurde der Kopf des Matrosen aus Messina sichtbar.

»Buon giorno, Signore. Ecco la Sicilia!«

Ich trat an die offne Luke. Silberner, sprühender Seewind schlug mir entgegen. Das Meer ging hoch und hellblau im ersten Gold der Frühe. Ich sah nichts als Meer.

»Dove, dove? Non vedo!«

Da faßte der Matrose meinen Kopf und drehte ihn nach links, so daß die Augen genau die Richtung seines Zeigefingers einhalten mußten.

Und ich begann zu sehen: Ganz ferne, unwirklich aus grauem Weihrauch gewoben, von einem silbernen Seidenfaden eingefaßt, der erste Umriß der sizilischen Küste. Wenig später stand ich ganz vorn am Bug des Schiffes, mitten im Wehen, im Sprühen, im Rauschen und Knistern von Wind und Licht und Meer .. hingebannt .. hingerissen, in die aufstrahlende Ferne starrend, in der das Ziel so langer Liebe lag.

Im Schiff war das Leben erwacht. Heizer und Arbeiter kamen auf Deck, Taue wurden gerollt, Segeltücher zusammengeschlagen, die Planken gewaschen. An den Fenstern der Kabinen klirrten die Messingringe der Vorhänge, verschlafene Gesichter schauten heraus und verschwanden wieder. Rinder brüllten in ihrem tiefen Gefängnis, ein Pferd fing an zu wiehern, Krane wurden aufgedreht und Kisten aus der Tiefe emporgeleiert, Gepäckstücke und Warenballen wurden aufgestapelt. Kinder liefen vom Zwischendeck unter die Matrosen und ließen sich an den Armen hochheben. Arme Frauen, die nach langer, trauriger Trennung die Heimat zum erstenmal wiedersahen, saßen am Boden und weinten still in ihre mageren Hände.

Doch alles dies blieb schattenhaft gedämpft in meinem Rücken. Ich war nur Auge. Jede Sekunde brachte ein neues Licht, einen neuen Duft über der Ferne. Schon sah man Berg an Berg geschoben, nun übereinandergedrängt, nun leicht gelöst, nun mit einem neuen Gipfel scheinbar verwachsen und gleich darauf wieder geschieden. Schon brach ein farbiger Schimmer durch die duftige Bläue der Hügel, bald lichtes Braun, bald bleiches Lila, bald silbernes Rosa. Dann kam ein Gelb dazu. Eine Sekunde lang zuckte ein harter Glanz auf: so wie wenn einer spiegelblanke goldne Platten im Lichte schüttelt – über einem steilen Grat zerriß ein Schleier: Purpurn tauchte der Fels in reines Enzianblau. Auf grauem Geröll flogen goldne Dünste zur Tiefe. Falte um Falte schloß sich auf, weich und gewölbt, von ewigmilder Luft geglättet, so wie der basaltene Block vom Meer. Brausend flog der Schaum unter dem schneidenden Kiel. Abermals fiel ein silbernes Gewebe: Da stand in roter Flamme der Pellegrino vor uns, Palermos Warte.

Dann aber schwand das Vermögen, noch das einzelne nebeneinander zu unterscheiden. Häuser kamen, schneeweiß und elfenbeinern, mit blauen Schlagschatten an den kahlen Wänden, Fensterscheiben flammten. Türme und Kuppeln tauchten auf. Hafendämme, Schuppen, Lagergebäude schoben sich am Ufer nebeneinander .. Menschen standen an der Mole und winkten .. Wasserträger schrieen, betäubend, ohne Unterbrechung: Acquàa .. Acquàa .. Weiße Sonne sprang vom weißen Gestein in das blendende Auge .. Die Hitze prasselte aus dem Lodern der Bläue, trotzdem es noch früh am Tage war .. Acquàa, schrie die unermüdliche Stimme .. Acquaàà ..

PALERMO