Palermo: Goldsprühende Garbe. –
Wie brennende Tücher schlug die Luft in mein Gesicht, als ich über die Schwelle des Gasthofs ins Freie trat. Zögernd gab sich der Körper, über Leib und Hüften ging ein kurzer, aufreizender Schauer .. die weißen Schuhe nahmen tastend das Pflaster, das Auge suchte die Milderung der satten Bläue, im Schreiten wurde der Seewind fühlbar, der vom Hafen heraufstrich. Das Meer lag unbewegt, ein riesiger Türkis im weißen Gold der Hafenfassung. Ich wandte mich in das Innere der Stadt.
Wie leicht waren die Schritte, die keine Schwere des Vertrautseins hemmte, kein Ziel! Ich ging nur .. ohne Absicht, ohne Plan. Hier lockte eine Kuppel und dort eine Palme, das laue Halbdunkel einer gewundenen Straße lud zum Eintritt – und nach wenigen Minuten stand ich auf einem glühenden Steinplatz. Ich träumte vor den Auslagen der Juweliere – und suchte den Schutz des weißen Zeltdaches vor einem Café, um den Durst an einem herben Zitronengetränk zu stillen. Auf den besprengten Steinfliesen verdunstete das unermüdlich ausgegossene Wasser, hinter dem Gitter der gelbgrünen Papyrusstauden flogen die Schatten der Vorübergehenden auf und nieder.
In hellem Strome flutete das morgendliche Leben durch die Hauptstraßen, hastig und schillernd bewegt, nur an der Kreuzung der Via Maqueda und des Corso ein wenig verlangsamt und oft aus seiner geraden Linie im Winkel zur Seite gelenkt. Die Menschen sind freundlich und zurückhaltend. Im bleichen Oval der Gesichter brennen die schwarzen Augen, über vielen Lippen liegt eine fremde, nachsinnende Wehmut und verrät die Mischung arabischen Blutes.
Ich ging bis gegen Mittag durch die eilige Menge und betrachtete die Züge der einzelnen. Viele waren schön und streng, sehr viele hart und gequält (an die spanische Zeit erinnernd), ein Zauber lag nur in denen, die an die morgenländische Heimat gemahnten. Hier war der Glanz der Augen verinnerlicht und oft in weicher, lässiger Sinnlichkeit verschleiert. Ich sah unmerklich feine Schatten unter den Lidern und Wimpern wie aus langen, schwarzen Seidenfäden über dem weiten, traurigen Schimmer der Pupille.
Am Nachmittag blieb ich zu Hause. Wie in einem Märchenbuch las ich in der Geschichte des Geschlechtes Hauteville: in der Chronik der normännischen Könige. Erst gegen Abend, als wieder etwas Wind vom Meere heraufkam, ging ich in den Dom und ließ mich vor den Königsgräbern nieder. Kinder spielten im Sonnenglanz der Vorhalle bei roten Oleanderbäumen, im Innern der Kirche war es kühl und leer. Ganz leer. Nicht einer saß und betete. Die Helle des übergroßen Raumes lockt nicht zu gläubiger Versenkung. Nur aus den dunklen Porphyrsarkophagen weht noch der heilige Duft von Schmerz und Größe. Sie ruhen seitlich unter schwerem Baldachin. Ein eisernes Gitter umschließt sie alle: nur die Luft zwischen ihnen hält die Trennungen wach, die auch der Tod nicht überbrücken kann. Noch im Tode bleibt der Sohn vom Vater geschieden, die Gattin vom Gatten, der Schwiegersohn vom Schwiegervater: Mit Fluch beladen ruht Heinrich VI., vereinsamt und unglücklich seine Gemahlin Constanze, die Tochter des großen Roger und die Mutter des noch größeren Friedrich.
Ich saß und schaute. Die Schatten stiegen auf, die meine Seele rief.
»O Fremdling in der goldnen Abendluft, es kommen viele, die uns nicht rufen. Sie tasten mit teilnahmlosen Fingern an den dunkelroten Stein und sagen nur: Dies ist der Sarkophag, wo Roger schläft.
Ich schlafe nicht. Ich liege überwach in der kalten Porphyrschale und lächle immer noch. Mein Leben war schön. Viel Sturm – und viele, viele Bläue. Ich liebte den großen Wind und das Ewig-Offne des Meeres. Ich liebte die Buntheit des Lebens. Sie galt mir mehr als ein fanatischer Gedanke: denn selbst im scheinbar Zwiespältigen sah ich das leuchtende Verbundensein.
In meinen Gärten war Vergessen. Wie rieselten meine Brunnen leise und träumerisch in die Marmorschalen. Ich hatte Pfauen und Fasanen. Ich liebte Glanz. Ich liebte Überfluß. Ich liebte die Schönheit, und sie schalten mich einen Heiden. Ich liebte Gold. Und Frauen .. viele Frauen. Ich liebte die zarten Finger meiner Seidenweberinnen. Ich ging durch ihre Reihen und küßte ihr süßes Haar. Sie woben meiner Liebe die weichen Gewänder, und durchwirkten den Stoff mit Blumen und Heiligen, mit goldnen Adlern und korrallenfarbigen Reihern. Auf meinen Betten lagen ihre Schlafdecken und teilten meinem Schlummer so viele stumme Sehnsucht mit: Sie liebten mich. Sie woben ihre Liebe in die Ornamente.