Wenn Fremde an meine Schwelle kamen, war ich voll Güte. Sie staunten über die Fülle meines Lebens: Ich lächelte und ließ sie Schmuck und Kleider als Andenken wählen. In ferne Länder trugen sie die Ehrengewänder und wurden unwissend meine Feinde, indem sie von der Pracht meines Hofes Zeugnis gaben. Ein fanatischer Mönch – Bernhard von Clairvaux – predigte gegen das Sündhafte meines Lebens und gegen mein gestohlenes Königtum: mich habe nicht der rechte Papst gekrönt und meine Krone sei nicht von Gott. Ich lächelte nur. Meine Krone war von mir selbst und das Erbe meiner Väter. Meine Krone war mein Recht. Was konnte ich anderes sein als König? Da rief der Mönch zum Krieg. Mein Name war der Widerstand, an dem er seine Glut entfachte. Er zog im Land umher und predigte auf den Kanzeln. Das Volk stand offnen Mundes und nannte ihn einen Heiligen. Ein deutscher Kaiser ließ sich bereden und zog mit Papst und Prediger gegen mich. Die fremden Heere verwüsteten mein Land, Apuliens Städte flammten: Da faßte mich die Wut. Das Blut der skandinavischen Ahnen – zwiefach gebannt im fränkischen und arabischen Geist – quoll aus dem Abgrund auf. Ein Sturm- und Feuerwind fuhr ich die Fremden an. Mein Sohn fing mir den Papst. Ich aber gelobte dem Heiligen Vater Treue, nachdem er meine Krone gesegnet hatte. Der Krieg verschlang mein Geld: es war billiger, einem alten Mann – sofern er den Anstand gegen einen König zu wahren wußte – eine freundliche Gesinnung zu bewahren. Ich suchte nie den Krieg. Er ward mir aufgezwungen. Da ich ihn führen mußte, führte ich ihn mit Leidenschaft. Ich haßte das Halbe. Wie kann ein König Unvollkommenes lieben? –«

»Was aber war mein Los? fiel nun Constanzes Stimme ein. Ich wurde geboren, als du schon gestorben warst. Hätte ich nur einmal den Klang deiner Stimme vernommen, o Vater, nur eine leise Erinnerung an dich in meine Jugend tragen können: so wäre ich weniger unglücklich geworden! O, wer begreift noch, was mein Leben war! Ich war eine Kaiserin und trug fünf Kronen – und ich wurde so voll Elend wie nicht die geringste meiner Dienerinnen: fremd am Hof des düsteren Bruders, fremd am Hof der traurigen Königin-Witwe und fremd – bis zum Erstarren fremd – als Gattin des Gemahls, der mich im eignen Blute traf und keine Schonung kannte, obwohl meine Lippen von Weinen gesprungen und meine Kniee von Beten wund waren. Die Schuld war mein, obwohl ich schuldlos war: ich war als eines großen Königs Tochter geboren und hatte dreißig Jahre im Dunkel gelebt. Nun winkte die Freiheit, die kaiserliche Höhe des Lebens, nach der meine Wünsche brannten. Die Krone winkte. Ach! Ich ging in mein Grab bei lebendem Leibe. Ich schlief – mißbrauchtes Werkzeug – auf dem Lager des Mannes, der mein Vaterland schändete. Ich gab ihm den Erben, indes er meines Neffen Tankred kleinen Sohn auf beiden Augen blenden ließ. Ich lag noch in den Wehen, im winterlichen Bergnest Jesi, als heimische Boten mir die Kunde brachten. O, wie der Haß in meinem mißhandelten Blute aufschoß! War nicht mein Sohn: im Schlafe hätte ich den Mörder erwürgt. Ein Fieber fraß ihn auf. Zu spät. Zu spät ..«

Und Friedrich sprach:

»O dämpfe deine Stimme, arme Mutter. Klage nicht – und klage nicht mehr an. Wer Kronen trug, muß vor sich selber schweigen lernen. Auch der Tod darf seine Einsamkeit nicht mehr durchbrechen. Der Schmerz zu leben, ist unermeßlich groß. Wir haben es alle erfahren, und jedem blieb am Ende die gleiche Weisheit: daß wir ein Spiel von tausend Schatten, undeutbar-unergründlich sind. Was sind unsere Siege, was sind unsere Niederlagen? Das Licht und das Dunkel, in dem unsere Kräfte zerflattern. Vielleicht hat nichts zu verlieren, wer nie gelebt hat: Doch wer geboren ist, muß fühlen, daß ihm das Schicksal die Erde bestimmt hat. So gab ich mich hin an die Weihe des Lebens, groß und voll irdischer Leidenschaft: und ging meine Wege, die meine Zeit mir gezeichnet. Ich liebte den Frieden und war ein Träumer, ganz voll Schönheit. In meiner Sehnsucht war nichts von Krieg. Krieg ward mir aufgezwungen. Ein großer Fürst hat keine Wahl. Süße, stille Oasen im Brennen der Wüste waren die wenigen Friedensjahre meiner Herrschaft .. immer seltner und karger, jemehr die Zahl meiner Jahre sich häufte. Ich wuchs in die Seele des Krieges und lernte die Tücke. Ich lernte die Feindschaft und die Seele der Falschheit .. und ich brauchte die gleichen, vor meinem Ziele geheiligten Waffen. Sie trafen die reine Sehnsucht des Herzens niemals: Ich wollte nichts als die Ordnung, da Ordnung Schönheit und Einklang ist. Ich wollte schönes Leben erhalten und schlafendes erschließen: Und ich mußte ringen um rohen Besitz, der längst schon mein war! Nie gab es ein Ende, nie blieb ein Errungenes friedvoll. Wie ein verfluchter Wandrer, gestachelt von Gram und Ungewißheit, zog ich von Lager zu Lager, von Landschaft zu Landschaft. Von Palermo nach Deutschland, von Deutschland nach Rom und zurück nach Sizilien – und wieder nach Rom und gegen die lombardischen Städte und hinab nach Apulien und weiter nach Palästina und wieder nach Haus und wieder nach Deutschland und endlos, endlos zuletzt durch Italien. Kaum war es mir vergönnt, im Frieden meiner Hauptstadt zu leben: nur einmal – o einzige, glückliche Zeit – sechs Jahre lang, ehe Gregor zum Kreuzzug trieb. Ich liebte Sizilien. Es war meine Heimat und voll Schönheit. Es war deine Heimat, o Mutter, und viele Frevel meines Vaters waren zu sühnen. Ich dachte tausendfach Tränen zu trocknen. Was die Erde an Schönheit umfaßte, sollte mein Land besitzen, jeder Fremdling sollte bis zu den entferntesten Küsten die Kunde tragen, wie ich den Vater entsühnte und die Qual der mütterlichen Seele stillte. Sechs Jahre nur blieben an Frieden: kaum Zeit genug, soviel Ruhe zu sichern, daß ich die Saat meiner großen Träume ausstreuen konnte.

Dann trieb mich der Eifer des Pfaffen nach Akkon. Und niemals mehr wurde Frieden. Maßlos wuchs der Gram meines Herzens. Drei Gattinnen starben mir .. Ich verlor meine Söhne. Heinrich, dem ich ein Königtum gab, sann auf Empörung. Ich mußte ihn strafen und in die calabrische Festung verbannen: Dort fand er den unerwarteten Tod. Enzio schlug eine Schlacht für mich und ward mir gefangen. Ich bot meine Schätze: Bologna blieb ohne Erbarmen. Sie wußten, daß er mein Liebling war, von all meinen Söhnen der schönste, nur Manfred vergleichbar. Und Freunde sah ich vor mir sterben, die selten nur ein Kaiser findet. Hermann von Salza starb zu Salerno und Thaddäus von Suessa fiel bei Vittoria. Der aber, den ich am unwandelbarsten treu gewähnt, sann Verrat: Petrus von Vinea, der alternde Kanzler dem alternden Kaiser. Der Bannfluch schreckte ihn! Noch wäre ich bereit gewesen, Frieden zu schließen und wartete in Rieti auf den Papst: Aber Innozenz floh – bei Nacht – auf genuesischen Galeeren und wandte sich nach Lyon. Dort hielten die Pfaffen ein Konzil ab .. O wie sie meinen Namen zerrissen, wie sie sich meiner Krone bemächtigten, all meiner Kronen, wie sie meine Würden von mir streiften, so wie der Henker dem Verbrecher die Kleider bis aufs Hemd vom Leibe streift. Ich war kein König mehr in Deutschland, kein Kaiser mehr, Siziliens Los war der Entscheidung des Heiligen Vaters anheimgegeben – Die Bettelmönche ließ der Pfaffe los, wie eine Schar von Ratten, die Treue zu vergiften. Bis an das Ohr des deutschen Sohnes wagte sich das Geflüster – –

Als mir die Kunde der Beschlüsse kam, ließ ich mir meine Kronen bringen – ich trug sie nie – und aus dem Glanz der Edelsteine brach meines Lebens letzte Glut und Schönheit: Kampf bis zum Tod. Nicht mehr ein Kampf um Ordnung: Ein Kampf des freien Gedankens gegen die Lüge, die Gottes Unendlichkeit mißbraucht. Kampf meines klaren Glaubens gegen die Fäulnis und den Betrug der Kirche. Ich fühlte den Gott auf der Erde, und ich liebte die Erde. Nun riß es mich hin und überflutete mein Leben. Die Ahnung entbundener Welt schlug noch wie Morgenrot in mein Gefühl, eine letzte Entlastung des tausendfach müden, belasteten Lebens .. Da zerrann die Klarheit im Zwielicht meines Sterbens. Ich war nicht glücklich, Mutter, doch ich hatte Flügel. Ich trug nur Schwere und war leichten Geistes. Ich wollte viel Macht, viel Glück, viel Schönheit: Schicksal und Sehnsucht lösten sich auf ..«

*

Ich hatte Axel Arnedals empfehlende Karte zu Angelina Lancisi geschickt und anfragen lassen, ob ich sie am Abend besuchen dürfe. Ich fand die Antwort, als ich in den Gasthof zurückkehrte: Sie bat mich, bei ihr zu speisen. Ich traf in der Villa außer der Besitzerin Margerita Avellino und Percy Vantadour, einen jungen Provenzalen, der in den städtischen Archiven arbeitete.

Die Fenster und Vorhänge des Speisezimmers waren noch dicht geschlossen. Das Kupfer weniger Kerzen brannte in dem goldnen Halbdämmer.

»Es wird Ihnen in Palermo ergehen wie mir, sagte Percy Vantadour: Sie werden beginnen, die neue Schönheit zu enträtseln und immer tiefer im Geheimnis versinken. Ich kam vor zwei Monaten, mitten im Frühling hierher, und dachte einige Wochen zu bleiben: Es ist Juni – und ich bin noch immer da. Ich kann auch nicht sagen, wann ich gehe. Ich liebe diesen Sommer, ich liebe die Hitze des Steines, der fast den Fuß versengt, die Glut der Gitterstäbe, den trocknen Geruch des Staubes und die monotone Helle der Landstraßen, die sich im Zickzack an den kahlen Berghängen hinauf- und hinunterziehn. Ich liebe das Bröckeln des Steines in der blauen Starrheit, das Dorren der Ginstersträucher an den Hügeln, den Zerfall des Grases auf allen Plätzen. Ich liebe die machtlose Bucht des Meeres, die kaum noch Kühle gibt, da der gleißende Spiegel die Strahlen, die er löschen soll, nur verdoppelt zurückwirft. Blumen, in die sich mein Gesicht vergraben möchte, wenn früher Frühling ist, Blumen, die in den langen Wintern von Paris selbst aus meinem Schlafzimmer nicht verschwinden, sind mir wesenlos in dieser Landschaft. Ja, ich vermeide die Gärten. Ich sitze lieber in der glitzernden Kühle der Kathedralen, in der Capella Palatina oder im Dom von Monreale, am allerliebsten im Dom von Cefalù. Vielleicht nur deshalb, weil diese Stadt so einsam ist: ein Haufen brauner und gelber Steinmassen über dem Lasur des Meeres. Schon ihr Name atmet Backsteinöde.«