Als die Tafel aufgehoben war, gingen wir in das Nebenzimmer, dessen Flügeltüren nach dem Brunnenhof geöffnet standen. Ein breiter Wasserstrahl quoll in der Schale auf und floß durch flache Rinnen in seitliche Becken, die einen stillen Abendhimmel spiegelten. Die Luft war wie von unsichtbaren Händen angehalten, ein laues Seidentuch, das kaum die Wange streifte. Aus hohen Terrakottavasen stürzten die Geranien auf den Boden. Wir waren alle ins Freie getreten. Margerita Avellino hatte den Arm ihrer Freundin gefaßt, Percy stand neben mir.
»Sagen Sie mir doch, Percy, begann nach einem kurzen Schweigen Margerita, wann zum erstenmal ein Vantadour nach Sizilien kam und was er dort tat.«
Wir setzten uns vor den Brunnen, und Percy erzählte:
»Adelasia, die Mutter des zweiten Roger, war eine Gräfin Montferrat, und brachte die geselligen Gewohnheiten ihres väterlichen Hauses und vor allem die Liebe zu den Künsten mit nach Sizilien. Der Herrschaft Montferrat benachbart lag die Heimat der Vantadour. Bernhard, mein Urahn, kam oft auf das Schloß des Grafen. Er übte die Kunst des Gesanges und war gerne gesehener Gast. Man nahm ihn als Freund und Vertrauten des Hauses auf. Als nun Roger I. um 1112 gestorben war und Adelasia nur mit dem einzig überlebenden Sohne zurückblieb, war nichts natürlicher, als daß sie so viel wie möglich die Fühlung mit ihrer Heimat zu wahren suchte. Es liegt immer im Sinn einer Mutter, dem Sohn die Liebe zum mütterlichen Land und Geschlecht zu erwecken. Sie ließ viele Provenzalen an den Hof kommen, und als einen der ersten den alten Freund Bernhard Vantadour.«
»Sie sagten eben, unterbrach Angelina, daß Adelasia früh mit ihrem Sohne Roger allein blieb. Ist in dem Wesen dieses Königs ihr Einfluß zu verspüren?«
»Gewiß! Herrschertum lag ihm vom Vater her im Blute, von dem Geschlecht der Hauteville, in denen der Geist der Wikinger noch lebendig war. Aber die große, innere Gesittung, die Zartheit seines Fühlens und sein bedeutender Sinn für die Kunst waren mütterliches Erbteil. Roger war ein Fürst, der sich in allem pflegte. Er soll sehr schön gewesen sein: und er wußte, was schön sein hieß. Auch seine große Güte und das leichte Ergriffensein des Gefühles kamen von Adelasia, die an dem Kummer einer großen Enttäuschung starb.«
»Woran starb sie?« fragte Margerita, die ihren Arm um Angelinas Schulter gelegt hatte und nichts als Lauschende war, fast wie ein Bildnis anzusehen in ihrem weißen Seidenkleid, das von der linken Brust bis zur rechten Hüfte einen schmalen Glycinenzweig als einzige Verzierung trug. Ihre kleinen Füße spielten mit den Dolden eines Geranienbusches, und die dünnen goldnen Armspangen über den blauen Adern ihres Handgelenkes klirrten leise bei der geringsten Bewegung.
Percy sah sie an, ohne Antwort auf ihre Frage zu geben, die in gleichem Tonfall wiederholt wurde:
»Woran starb sie?«