»Vor etwa sieben Jahren verlobte sich Isabella Giramonte ziemlich unerwartet mit dem Grafen d'Ys. Es war eigentlich niemandem klar, warum das schöne, noch sehr junge Mädchen diesem Manne ihre Hand reichte: er sah nicht schlecht aus, war ebenfalls noch nicht viel über die Mitte der zwanzig hinaus und hatte reiche und ausgedehnte Besitzungen in der Normandie. Isabella war wenig vermögend, man sagte, die Spiellust des Vaters habe den größten Teil des mütterlichen Vermögens verschlungen. Nun ist es ja wahr, daß die Giramonte von jeher leidenschaftliche Spieler mit Geld und Schicksalen waren, ich glaube aber (nach dem, was man mir zugetragen hat), daß die Mitgift von Isabellas Mutter – Sie wissen doch, daß sie die Tochter eines gewissen Herrn von Didier aus Rouen war – bei weitem nicht die Höhe erreichte, die Giulio Giramonte erwartet hatte .. und daß er also wahrscheinlich das Vermögen nicht für groß genug hielt, um es vor den Möglichkeiten des Spieltisches zu schonen. Kurz, wie dem auch sei: den beiden Eltern konnte Isabellas Vermählung mit dem Grafen Roger d'Ys nur angenehm sein, ganz Eingeweihte wollen sogar wissen, die Verlobung sei ein lange vorbereiteter und gut berechneter Schachzug der Mutter gewesen, die aus Rache gegen gewisse italienische Enttäuschungen ihres eigenen Ehelebens die halbfranzösische Tochter unter allen Umständen gegen jeden italienischen Bewerber an ihr eignes Vaterland zurückspielen wollte. Daß Isabella in Wahrheit aber viel mehr zu der Art des italienischen Mannes neigte, wurde als belanglos übergangen: blonde und schwarze Mischung hatte noch immer die besten Ehen gegeben, und außerdem gehörten die Grafen von Ys und Dieuleveuille zum französischen Uradel, während die Giramonte weit weniger vornehm waren, die Didier aber sogar nur zur napoleonischen Aristokratie zählten. Die Frage des Blutes aber hatte jederzeit Isabellas Mutter tief bewegt. Nun wäre dies alles eigentlich vollkommen gewesen, wenn nicht Roger d'Ys einen so großen Fehler besessen hätte (oder vielleicht eine so große Tugend, je nachdem man es nimmt), daß das Glück der Ehe dadurch ernstlich bedroht werden konnte. Er war nämlich von einer Schlichtheit des Verstandes, wie sie sich eigentlich nur der Uradel gestatten darf: und das Schlimme (oder das Gute, je nachdem man es nimmt) war, daß seltsamerweise der Ausdruck seines Gesichtes davon gar nichts verriet. Sein Gesicht war hübsch, in seinen blauen Augen lag viel feine Güte, und sein Mund war einer der edelsten Frankreichs. Die Nase war wohlgebildet und durchaus nicht zu klein (was bei sehr blonden Gesichtern ja des öfteren vorzukommen pflegt), vor allem aber erschien die feingemeißelte Stirn unter der seidnen Welle goldnen Haares als das deutlichste Merkmal sehr vornehmer Geburt. Nun hätte ja Isabella, die stets in äußeren Vorzügen ziemlich viel Ersatz für gewisse innere Mängel zu finden wußte (dank ihres väterlichen Blutes) vielleicht das geringe Maß an Geistigkeit an ihrem Gemahl noch ertragen: zumal sie ein offenes Haus führte, so daß ihr gar nicht einmal allzuviel Zeit blieb, in dem geistigen Reich des Grafen zu Gast zu sein: aber es gab eine noch tragischere Frage in dieser Ehe, die ich allerdings nicht ohne Bedenken aufzurollen wage. Ich werde mich sehr vorsichtig ausdrücken, vor allem werde ich zu erklären versuchen. Roger d'Ys war der letzte seines Stammes, unweigerlich. Wenn er ohne Nachkommen blieb, fielen Vermögen und Güter an eine Seitenlinie niederer Gattung, die sich besonders dadurch im hohen Adel mißliebig gemacht hatte, daß sie einige Söhne ohne Bedenken als Offiziere in das republikanische Heer hatte eintreten lassen. Roger d'Ys gab sich nun ohne Zweifel auch redlich Mühe, dieser entsetzlichen Möglichkeit vorzubeugen .. und Isabella zeigte ein selbst bei Frauen nicht gewöhnliches Verständnis für die Politik ihres Gatten, obwohl sie kraft eines gesunden Spürsinnes für Dinge, in denen sie nur eine einmalige Erfahrung besitzen konnte, längst und schmerzlich erkannt hatte, daß die Natur in ihrem Verfeinerungsbedürfnis an der Männlichkeit des letzten Grafen d'Ys und Dieuleveuille entschieden zu weit gegangen war. Sie hatte geradezu eine Sünde begangen. Sie hatte kaum noch einen Menschen, sondern eine vollkommen schöne Statue gebildet: die ganz erfüllt in dem Wunder ihres eigenen Ebenmaßes lebt und kaum noch etwas davon weiß, daß das Leben nicht die edle Beschränkung, sondern die leidenschaftliche Fülle, nicht die kühle Vornehmheit des l'art pour l'art: sondern die zielbewußte Arbeit des l'art pour l'oeuvre verlangt!
Aber Isabella war schon im dritten Jahr ihrer Ehe angelangt, ohne daß eine Hoffnung auf Nachkommenschaft bestanden hätte. Die Gräfin-Mutter war auf das Schloß gekommen und hatte ihr ernsthaft ins Gewissen geredet, auch der Pfarrer war einige Male bei ihr gewesen, und selbst der uralte Erzbischof, dessen Rufe zu dem Heiligen Geist in der französischen Aristokratie eine nicht unberechtigte Berühmtheit genossen, hatte ihr sagen lassen, daß er Gott den Herrn bitten werde .. Ihre eigene Mutter aber, weniger gläubig und mit einem stärkeren Sinn für die Wirklichkeit begabt, war mit ihr zu einigen großen Ärzten gefahren, von denen nicht ein einziger verfehlt hatte, ihr die Versicherung einer geradezu mustergültigen Vollkommenheit zu geben – – und sie war genau so klug, als sie gekommen, nach Château d'Ys zurückgekehrt. Es ging auf den Winter zu, und sie begann zu kränkeln. Wie viele Edelleute aus der Normandie hatte Roger die Gewohnheit, wegen gewisser Jagden, die er geben mußte, weil es die Sitte seiner Familie so verlangte, ziemlich lange auf dem Schloß zu bleiben und die Wohnung in Paris erst im November zu beziehen. Er wäre ja gerade in diesem Jahre gerne geneigt gewesen, seiner Frau zuliebe schon Ende Oktober in die Stadt überzusiedeln, aber die Gräfin-Mutter fand den Grund nicht ausreichend, zumal gewisse klerikale Wahlen bevorstanden, deren Ergebnis außerordentlich durch den Erfolg der Feste und Gelage auf Château d'Ys bedingt war.
Da erklärte Isabella ohne jeden Umschweif, daß sie sich gewiß diesen geheiligten Sitten nicht widersetzen wolle, daß sie aber die Rolle, die sie bei solchen Gelegenheiten zu spielen habe, der wesentlich gewandteren Gräfin-Mutter zurückgeben und ohne jeden Widerspruch Anfang Oktober auf einige Wochen nach Florenz fahren werde. Diese Reise scheine ihr die einzige Möglichkeit zu bieten, ihr Gleichgewicht wieder zu erlangen, das sie bei den herrschenden Umständen ein wenig verloren habe. Die Gräfin-Mutter war außer sich und trug von diesem Tage an bis zu einem gewissen anderen Tag, der aber in dieser Geschichte erst viel später vorkommt, eine offene Feindschaft zur Schau, ja sie soll allen Ernstes die Frage erwogen haben, im äußersten Falle bei dem Heiligen Vater eine Ungültigkeitserklärung der Ehe zu erlangen. Es steht nicht fest, ob sie ihrem Sohne gegenüber einen ähnlichen Gedanken geäußert hat: wenn sie es aber getan hätte, wäre sie ohne Zweifel auf den heftigsten Widerstand gestoßen. Denn Roger liebte seine Gemahlin über alle Maßen, und es war eigentlich nur die obenerwähnte allzugroße Schlichtheit seines Geistes, die es ihm unmöglich machte, Isabella gebührend gegen die Oberhoheit seiner Mutter in Schutz zu nehmen. So fand er auch – trotz seines wirklichen Schmerzes über Isabellas Vorhaben – in diesen bedeutungsvollen Tagen weder das richtige Wort noch die richtige Haltung, er sagte sich nur, daß es das beste sei, Isabella ohne Widerspruch gehen zu lassen und es ganz ihrem eigenen Gefühl anheimzugeben, wann sie sich wieder an der Seite ihres Gatten einfinden würde. Er teilte diesen Entschluß, den er in einer ziemlich schlaflosen Nacht gefaßt hatte, seiner Mutter mit, die sich in Voraussicht der kommenden Dinge schon von Paris nach Château d'Ys begeben hatte. Aber sie warf nur einen Blick gegen den Himmel und führte ihre weiße, schmerzliche Hand nach der gefesselten Fülle des Busens, als wolle sie sagen, daß sie sich zwar vollkommen unschuldig an einem solchen Sohne fühle, sich aber mit der Demut einer wahren Christin auch in diese Prüfung Gottes füge wie schon in so viele andere, von denen sie mehr ahnen ließ als verriet. Am meisten aber litt Isabella. Doch hütete sie sich, dies merken zu lassen, sie schien vielmehr ganz erfüllt von dem Gedanken ihrer Rückkehr und fast schon ihrer Umgebung entrückt. Während sie jedoch scheinbar eifrig und sorgfältig die Vorbereitungen zu ihrer Abreise traf, ging sie tief mit sich zu Rate und überlegte, wie sich ihr zukünftiges Leben gestalten würde. Gerade weil sie ein wirklich ehrliches Gefühl für ihren Gemahl hegte, war es nicht leicht, das Rechte zu erkennen. Sie war nun einmal die Gräfin d'Ys und Dieuleveuille, und sie mußte es unter allen Umständen bleiben. Aber sie fürchtete sich vor dem Augenblick, wo vielleicht in ihren Empfindungen für den Gatten etwas wie eine Windstille eintreten würde, weil er .. nun ja, einmal weil er sich in seiner unschattierten Geistigkeit so unerhört gleich blieb, sodann aber auch, weil .. ja, wie soll ich dies nun wieder sagen .. weil das rein Bildmäßige seiner Erscheinung, das allzustrenge Verharren in seiner Schönheit, das allzugeringe Aus-sich-Herausgehen eines Tages eine empfindliche Lähmung ihrer Freude an ihm mit sich bringen würde. Und sie folgerte ganz richtig, daß etwas ähnliches ja eigentlich schon eingetreten sein müsse, da sie so außerordentlich klare Vorstellungen von dieser Verschiebungsmöglichkeit des Gefühles hatte. Sie würde nicht einen Augenblick lang solchen Gedanken nachgegangen sein, wenn sie ein Kind gehabt hätte. Sie sehnte sich leidenschaftlich nach einem Kind, nicht, weil sie damit gewissermaßen ihre Pflicht gegen das Geschlecht des Grafen d'Ys erfüllt hätte: sondern weil sie zu den Frauen gehörte, die auch in der Mutterschaft eine Erfüllung ihres eigenen Lebens zu sehen vermögen. Und wie es ja fast immer zu geschehen pflegt, daß gerade Frauen mit starkem Sinnenleben die besten Mütter werden, weil ihre Liebe nur das sichtbar zu Greifende, bedingt Wirkliche zu fassen vermag und unbestimmten Inhalten abhold ist: so hätte Isabella in einem Kinde einen gewissen Ersatz gefunden für manches, das ihrem ehelichen Leben fehlte. Aber selbst an diesen heißgehegten Wunsch legte ihr großer Verstand eine Bresche: Wie würde ein Kind von Roger d'Ys geworden sein? Noch weiter in ihrer Verfeinerung konnte die Natur nicht gut gehen, und wenn Isabella auch der gesunden Art ihres eigenen Blutes Kraft genug zutraute, bei der letzten Entscheidung über äußere und innere Gestalt des werdenden Wesens ein sehr bedeutsames Wort mitzureden: so faßte sie trotz dieser Zuversicht zuweilen eine große Furcht an, sobald sie an die Verwirklichung ihres Wunsches dachte: denn es waren ihr zu viele Beispiele bekannt geworden – und ganz besonders seit ihrem Aufenthalt im Schoße derer von Ys und Dieuleveuille – daß das Unbegabte über das Begabte den Sieg davonzutragen pflegt. Ja, diese Erfahrung schien ihr manchmal in so hohem Maße ein allgemein gültiges Gesetz einzuschließen, daß es Stunden gab, wo sie ihre Kinderlosigkeit als ein Werk der Vorsehung empfand. Aber was sollte dann aus ihrem Leben werden? Sie war noch nicht einundzwanzig Jahre alt! Welche Zeiten lagen vor ihr!
Eben in diesen Tagen, als die Qual zu groß in ihr wurde und allein der Gedanke an den Stumpfsinn der nahenden Jagdgesellschaften sie fast trübsinnig machte, beschloß sie, nach Florenz zu fahren. Wie der übermüdete Schwimmer, der nicht mehr gegen den Strom ankann, die erste Weidengerte des Ufers erfaßt, so klammerte sie sich an diesen Namen: Florenz – und an einem der ersten Oktobertage traf sie in unserer geliebten Vaterstadt ein. Ihr Gemahl hatte sie natürlich nach Paris begleitet und ihr als Zeichen seiner Liebe einen großen Rosenstrauß mitgegeben, zu dem er selbst jede einzelne späte Blüte im Schloßpark zusammengesucht hatte: Als sie aber nun im offenen Wagen an der Seite ihrer strahlenden Mutter, die natürlich von den inneren Zusammenhängen keine Ahnung hatte, durch die Via Tornabuoni über den Ponte Santa Trinità hinauf nach dem Boboli fuhr, hinter dem die Villa der Eltern lag, hatte sie vollkommen vergessen, warum sie aus Frankreich entflohen war. Sie fand es ganz selbstverständlich, daß sie in ihrer Vaterstadt weilte, ja, sie konnte es kaum noch begreifen, daß sie weit über zwei Jahre die Trennung von der heimatlichen Erde ertragen hatte, zumal in der Umgebung, in die sie ihre Heirat gestellt hatte. Und noch ehe der Wagen vor der Haustür hielt, war sie sich klar darüber, daß kein Herbst und kein Frühling mehr vergehen würde, ohne daß sie einige Wochen in der Heimat zubrachte. Mochte die Gräfin-Mutter wegen der mißratenen Schwiegertochter jede Woche zweimal zum Erzbischof laufen: sie würde sich nicht daran kehren. Sie würde sich überhaupt nicht mehr an all diese lächerlichen Zustände in Château d'Ys kehren. Sie würde sich durchsetzen, ganz unzweideutig. Vor allem würde sie sehr viel auf Reisen gehen. Drei Monate auf dem Schloß und drei in der Stadt müßten vollkommen genügen, über die andere Hälfte des Jahres würde sie selbst bestimmen. All diese Dinge wurden ihr im Fluge klar und mit einer Entschiedenheit, wie sie nur die klare, helle Luft unserer Stadt zu erzeugen vermag.
Sie schrieb noch am selben Abend einen glückseligen Brief an ihren Gemahl, in dem zu lesen stand, daß der Mond im glänzenden Laube der Pappeln spiele, daß aus dem Garten der Duft später La Francerosen in ihr Zimmer dringe, und daß zwischen den dünnen, wehenden Ölbaumzweigen das Wasser des Arno silbern aufleuchte. Allein schon der Anblick der Ölbäume habe ihre Seele gelöst, schrieb sie gegen den Schluß hin, und sie sei des festen Glaubens, daß sie in der Heimat so weit genesen werde, um gesund und hoffnungsfroh zu ihm zurückkehren zu können.
Daß aber am gleichen Abend der wunderschöne Graf Primoli sich unversehens bei ihren Eltern als Gast angesagt hatte und bis gegen Mitternacht geblieben war (was man eigentlich unter ganz vornehmen Leuten nicht mehr tut): das schrieb sie nicht. Sie schrieb auch nicht, daß dieser Primoli gefragt hatte, ob er seine Schwester mit ihr bekannt machen dürfe, die gerade bei ihm zu Besuch sei. Vor allem aber schrieb sie nicht, daß eine geradezu übersinnliche Erleuchtung sich plötzlich ihres ganzen Wesens bemächtigt hatte, als dieser Primoli ihr die Hand beim Abschied küßte .. eine Erleuchtung, so gewaltsam und divin, daß sie plötzlich an den alten Erzbischof und die Macht seiner hierarchischen Gebete denken mußte.
Nach etwa drei Wochen aber schrieb sie den längsten und schönsten Brief, den ihr Gemahl jemals von ihr bekommen hatte. Der Brief war so schön, daß Roger d'Ys die Wahlen und die Jagden und seine vom nahen Weltuntergang überzeugte Mutter im Stich ließ und geradeswegs nach Florenz fuhr, wo er in dem kleinen Mauergarten der Villa seiner Gemahlin zu Füßen sank und ihr fast unter Tränen gestand, er habe seit ihrer Abreise keine frohe Stunde mehr gehabt, und er fühle, daß ihre Nähe ihm teurer und wertvoller sei als alles andere auf der Welt. Während er dies aussprach, hatten seine Wangen sich gerötet, und seine hyazinthblauen Augen hatten einen innerlichen Glanz bekommen. Sein feiner Mund stand ein wenig geöffnet, die weißen, gleichmäßigen Zähne wurden sichtbar – und er sah so schön aus, daß Isabella gerne ihre Lippen länger auf den seinen ruhen ließ, als sie sonst zu tun pflegte. Sie hatte nun wirklich keinen Zweifel mehr, daß an jenem Abend, als Diomede Primoli ihr so lange die Fingerspitzen und die zarten blauen Adern des Handgelenkes geküßt hatte, der heilige Geist über sie gekommen war und ging mit dem glückseligen Lächeln einer Märtyrerin durch die herbstliche Sonne am Arm ihres Gatten dem Hause zu. Roger wich fortan nicht von ihrer Seite, und es verbreitete sich allenthalben die Kunde ihres Glückes. Kinderlose Ehepaare nahmen sie sich zum Muster, und einmal, als Monsignore Zacconi in der Annunziata eine lange Predigt damit geschlossen hatte, daß es kein wahres eheliches Glück ohne Kinder gebe (obwohl er doch hier eigentlich nicht gut mitreden konnte) stellten ihn bei einem Abendessen, das die Marchesa Prioressa gab, einige Damen und Herren sehr unverblümt zur Rede über diese seltsame mittelalterliche Ansicht und verwiesen frohlockend auf Isabella und Roger, die Arm in Arm an einer Säule standen und aufmerksam mit zuhörten, wie der Graf Primoli von der Einrichtung seines Hauses erzählte. Ich muß hier zufügen, daß er sich geradezu eines Rufes als Renaissancekenner erfreute, und daß selbst aus entlegenen Ländern Besucher zu ihm kamen und seine schönen Möbel- und Schmuckstücke betrachteten. Seltsamerweise war Graf d'Ys noch nicht bei ihm gewesen, was eben gerade den Anlaß dazu gegeben hatte, die Teestunde des nächsten Nachmittags zu einem Besuche festzusetzen. Isabella wurde in demselben Augenblick, als Roger sie um ihre Ansicht fragte, von der Herzogin von Levanto in ein Gespräch über französische Geflügelzucht gezogen und somit einer Antwort überhoben. Roger indessen zweifelte nicht eine Minute daran, daß seine Gemahlin einverstanden sei und sagte zu.
Diomede hatte alle Zimmer mit Blumen schmücken lassen, insbesondere aber sein Schlafgemach, das schöner als alle anderen Räume war. Das köstlichste Gebäck der Pasticceria Giuco wurde aufgetragen, alle Messer und Löffel wiesen die bezauberndsten Goldschmiedearbeiten der Frührenaissance auf, in einer Räucherpfanne, die aus dem Nachlaß der Päpstin Johanna stammte, verpuffte in goldenen Wolken ein wenig Würze von Rosmarin: Kurz, der Graf d'Ys mußte zugeben, daß er niemals zuvor in einer Umgebung so ausgewählten Geschmackes von einem so liebenswürdigen Gastgeber empfangen worden sei. Ja, er äußerte lebhaft und mehrere Male hintereinander den Wunsch, doch noch des öfteren während seines florentinischen Aufenthaltes den Grafen besuchen zu dürfen, worauf dieser entgegnete, er wüßte nichts, was ihm angenehmer wäre. Auch Isabella meinte, es gäbe ja nichts Schöneres als das Verweilen in diesem Hause, wo jeder Winkel den Kunstsinn und die feine Gesittung seines Bewohners verrate. Diomede wandte lächelnd ein, daß sie übertreibe, aber Roger wiederholte wörtlich, was seine Gemahlin gesagt hatte und verlangte auch, die oberen Gemächer zu sehen, während Isabella, eine Ermüdung vorschützend, sich im Garten ausruhte. Wohl eine halbe Stunde lang verweilten die Herren im Schlafgemach. Roger, dem es zum ersten Mal in seinem Leben klar wurde (obwohl er einige Bücher von d'Annunzio gelesen hatte) was dieser Raum einem Menschen bedeuten konnte, wollte sich nicht trennen von den unzähligen Schönheiten, die hier das Auge ergötzten, sei es, daß er vor einem Engel der Verkündigung stehen blieb und andächtig in die verheißungsvollen Züge emporstarrte, sei es, daß er in den kostbaren alten Brokatbänden blätterte, die auf dem Nachttisch lagen, sei es, daß er staunend und neidisch das Bett betrachtete, von dem eine seltsame Macht auf ihn auszuströmen schien. Diomede trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter:
»Ist es nicht wundervoll?«
»Wundervoll, erwiderte Roger wie im Traum, und so breit, so bequem, beinahe feierlich. Ich wünschte, es wäre mein.«