Zwei Knaben, Albert und Paul, suchten im Walde Nüsse. Da bemerkte Paul eine große Walnuß unter einem Baume und rief seinem Kameraden zu: "O, sieh dort vor dir die Walnuß!" Albert hob sie schnell auf und steckte sie in seine Tasche. Damit war aber Paul nicht zufrieden; er sagte: "Die Nuß gehört mir, ich habe sie zuerst gesehen!" "Und ich habe sie aufgehoben," erwiderte Albert trotzig; "ich gebe sie nicht her!" So stritten sie heftig, und schon wollten die törichten Knaben einander schlagen, als Georg, ein älterer Junge, herbeikam, der im Walde Eichhörnchen schoß. Albert und Paul baten den großen Knaben, er solle entscheiden, wem die Nuß gehöre. Was tat Georg? Er zerbrach die Nuß mit einem Steine und gab jedem der beiden Streitenden ein Stück von der Schale. "Den Kern," sprach er, "behalte ich als Lohn dafür, daß ich euer Richter war!" Dann ging er lachend fort.
87. HERR WIND! HERR WIND!
Ein Bauer hat ein Haus gehabt,
Und auf dem Haus ein Dach.
Zur Nachtzeit kam der Wind getrabt,
Da ward der Bauer wach.
Wie's heulte, krachte, klirrte, klang!
Der arme Bauer flehte bang:
"Ich bitt' dich, lass' dein Toben,
Und lass' mein Dach dort oben,
Herr Wind! Herr Wind!"
Des Daches Luken schlossen gut
Der Bauer und sein Knecht.
Da ward der Wind voll Trotz und Wut
Und kreischte: "Nun erst recht!"
Herr Wind! Herr Wind! du böser Wind,
Du bist wie manche Kinder sind,
Die das just haben wollen,
Was sie nicht haben sollen.
Herr Wind! Herr Wind!
Mit Dräuen drängt der Wind und drückt
Mit Groll und grausem Krach;
Er zieht und zerrt und rüttelt, rückt
Und reißt vom Haus das Dach.
Zerstört ist herzlos Heim und Haus;
Der Bauer sieht so traurig aus,
Sein Weib und seine Kleinen,
Sie stehen da und weinen.
Herr Wind! Herr Wind!
Hast du's gehört, mein liebes Kind?
Sei freundlich, friedlich, froh!
Denn würdest du ein solcher Wind,
Dann spräch' man von dir so:
Du bist nicht gut, du tust nicht gut,
Du bist ein wild und trotzig Blut,
Das stets gern haben wollte,
Was es nicht haben sollte!——
Herr Wind! Herr Wind!
88. DAS FÜNKCHEN.
Das Kind hatte mit dem Fünkchen gespielt, obgleich seine Mutter es schon oft verboten hatte. Da war das Fünkchen fortgeflogen und hatte sich ins Stroh versteckt. Das Stroh fing an zu brennen, und es entstand eine Flamme, ehe das Kind daran dachte. Da wurde es dem Kinde bange, und es lief fort, ohne jemandem etwas von der Flamme zu sagen. Und da niemand Wasser darauf schüttete, ging die Flamme nicht aus, sondern breitete sich im ganzen Hause aus. Als sie an die Fenstervorhänge kam, wurde sie noch größer, und das Bett, worin die Leute nachts schliefen, brannte hell auf, und die Tische und die Stühle und die Schränke und alles, was der Vater und die Mutter hatten, das wurde vom Feuer erfaßt, und die Flamme wurde so hoch wie der Kirchturm. Da schrieen die Leute vor Schrecken, die Glocken läuteten; es war fürchterlich zu hören, und die Flamme war schrecklich zu sehen. Nun fing man an zu löschen, indem man Wasser in das Feuer schüttete und spritzte; aber es half nichts; das Haus brannte ganz ab, und nur noch ein wenig Kohlen und ein bißchen Asche blieben übrig. Da hatten nun die Eltern des Kindes kein Haus mehr und kein Plätzchen, wo sie wohnen und wo sie schlafen konnten, und auch kein Geld, um sich ein neues Haus und neue Betten und Tische und Stühle zu kaufen. Ach, wie weinten die armen Eltern! Und das Kind, das mit dem Fünkchen gespielt hatte, war schuld daran.
89. RÄTSEL.
Kennt ihr die Blume, in guter Ruh'
Dreht sie sich immer der Sonne zu;
Sie hat viel Samenkörner schön,
Wie Strahlen ihre Blättchen stehn.
Erst weiß wie Schnee,
Dann grün wie Klee,
Drauf rot wie Blut,
Dann schmeckt es gut.