»Christine,« begann er endlich mit weicher Stimme, »ist deine Verwirrung vorüber, kannst du mir ruhig und klar antworten?«

Ihre Verwirrung war vorüber, und überdies rührte sie seine Güte; sie erhob zum erstenmal auf einen Augenblick ihr Gesicht zu ihm.

»Ich kann es,« antwortete sie ruhig.

»Ist es wahr, daß du dich dem Kloster gelobt hast?«

Christine faltete die Hände und begann flehentlich zu flüstern:

»Seid mir drum nicht böse, flucht mir nicht — aber es ist so.«

»Christine!« sagte Michael, »ziemt es sich, so die Glückseligkeit eines Menschen mit Füßen zu treten, wie du die meinige trittst? Wo blieb dein Wort, wo unser Versprechen? Ich vermag es ja nicht, den Kampf mit Gott aufzunehmen; nur das eine will ich dir sagen, was Herr Sagloba mir gestern gesagt hat: der Schleier darf nicht aus Unrecht gewoben sein. Durch das Unrecht, das du mir antust, wirst du Gottes Ruhm nicht mehren, denn der Herr thront über aller Welt, sein sind alle Nationen, sein ist Land und Meer und Strom, der Vogel in der Luft, das Tier im Walde, die Sonne und die Sterne; er hat alles, was du nur sehen und denken kannst, und noch mehr, und ich habe nur dich allein, dich Geliebtes und Teures, du bist mein Glück, du bist mein alles! Und kannst du glauben, daß Gott, er, der so reich ist, es nötig hat, einem armen Kriegsmann seinen einzigen Schatz zu entreißen? ... daß er in seiner Güte es annehmen kann, daß es ihn freut, daß es ihn nicht beleidigt ... Sieh doch, was du ihm gibst: — dich selbst; aber du bist mein, denn du hast dich selbst mir versprochen, du gibst ihm Fremdes, nicht Eigenes; du gibst ihm meinen Schmerz, meinen Harm, vielleicht meinen Tod. Hast du ein Recht dazu? — Erwäge das in deinem Herzen und in deinem Geiste, und dann endlich frage dein Gewissen ... Wenn ich dich gekränkt hätte, wenn ich dir untreu geworden wäre, wenn ich dich vergessen hätte, wenn ich eine Schuld auf mich geladen, ein Verbrechen begangen hätte — ich wollte nichts sagen, nichts; aber ich bin fortgezogen, um der Horde aufzulauern, um die Eindringlinge zu verscheuchen, dem Vaterland mit meinem Blut, meinem Leben, meiner Ruhe zu dienen, und dich habe ich geliebt, an dich ganze Tage und ganze Nächte gedacht, nach dir mich gesehnt wie der Hirsch nach dem Wasser, wie der Vogel nach der Luft, wie das Kind nach der Mutter ... und für all dieses hast du mir eine solche Begrüßung, solchen Lohn bereitet? Christine, mein Teuerstes, meine Freundin, mein auserwähltes Lieb, sage mir, wie ist das gekommen? Sprich mit mir so aufrichtig, so offen, wie ich mit dir spreche, wie ich dir mein Recht vorführe; halte mir dein Wort und laß mich nicht allein mit meinem Unglück. Du selbst hast mir das Recht gegeben, — treibe mich nicht in die Verbannung!«

Der unglückselige Mann wußte nicht, daß es ein Recht gibt, größer und älter als alle menschlichen Rechte, auf Grund dessen das Herz nur der Liebe folgen muß und folgt, und wenn es von der Liebe läßt, schon dadurch den herbsten Treubruch begeht, geschehe es auch so unschuldig, wie die Lampe unschuldig erlischt, in der das Öl versiegt ist. Michael wußte das nicht, und er umfaßte Christinens Kniee und bat und flehte, aber sie antwortete ihm nur mit Tränenströmen, denn mit dem Herzen konnte sie ihm nicht mehr antworten.

»Christine,« sagte endlich der Ritter, sich erhebend, »in deinen Tränen kann meine Glückseligkeit versinken, und ich bitte dich nur um eins: um meine Rettung.«