»O fragt mich nicht nach Gründen,« antwortete Christine schluchzend, »fragt mich nicht nach der Ursache! Es muß so sein und kann nicht anders sein. Ich bin nicht würdig eines Mannes wie Ihr und war nie Eurer würdig! ... Ich weiß, welches Unrecht ich Euch antue, und das schmerzt mich so unsagbar, daß ich ratlos vor Euch stehe. Ich weiß, daß es ein Unrecht ist ... o großer Gott, es schneidet mir tief ins Herz. — Verzeiht mir, Herr, geht nicht von mir im Zorn, vergebt mir, flucht mir nicht!«
Und Christine stürzte vor dem Ritter in die Kniee.
»Ich weiß, daß ich unrecht tue, aber ich bitte um deine Gnade, um dein Erbarmen.«
Hier neigte sich das dunkle Köpfchen des Mädchens bis zur Erde. Michael erhob im Augenblick das arme, weinende Geschöpf mit Gewalt und setzte es wieder aufs Sofa nieder; dann begann er wie verstört im Zimmer auf und nieder zu gehen. Von Zeit zu Zeit blieb er plötzlich stehen und drückte die Fäuste an die Schläfen; dann setzte er seinen Gang fort, und endlich trat er vor Christine hin.
»Nimm dir Zeit und gib mir ein wenig Hoffnung,« sagte er endlich, »denke, daß ich auch nicht von Stein bin! Warum legst du das glühende Eisen erbarmungslos an? Und wäre ich noch so geduldig, sollte mich der Schmerz nicht erfassen bei solcher Qual? Ich kann es ja in Worten gar nicht sagen, wie weh mir zumute ist, bei Gott, ich kann es nicht. Ich bin ein schlichter Mann, siehst du, und mein Leben ist in Krieg und Kampf dahingegangen ... Und, mein Gott, in diesem Zimmer haben wir uns geliebt; Christinchen, Christinchen, ich habe geglaubt, du werdest mein ganzes Leben die Meine sein, und nun ist alles hin, alles! Was ist dir geschehen, wer hat dein Herz gewendet, Christine? Ich bin doch derselbe geblieben! Und du weißt auch das nicht, daß diese Wunde für mich herber ist als für einen anderen, denn ich habe schon ein Liebes verloren. — Gott, was soll ich ihr sagen, um ihr Herz zu rühren!... Gib mir wenigstens Hoffnung, nimm mir nicht alles auf einmal!«
Christine sagte kein Wort, Schluchzen erschütterte ihren Körper. Der kleine Ritter aber stand vor ihr und unterdrückte erst seinen Schmerz, dann einen furchtbaren Zorn, und nun, da er diesen ganz überwunden hatte, wiederholte er.
»Gib mir wenigstens Hoffnung, hörst du?«
»Ich kann nicht, ich kann nicht!« antwortete Christine.
Michael ging an das Fenster und drückte die Stirn an die kalte Scheibe. So stand er eine lange Zeit unbeweglich; endlich wandte er sich zurück, ging Christine einige Schritte entgegen und sagte vollkommen ruhig:
»Lebe wohl; — hier ist kein Ort für mich. — Möge es dir so gut ergehen, wie es mir schlecht ergehen wird. Wisse, daß ich dir mit den Lippen schon heute vergebe, und wenn mir Gott hilft, will ich dir auch mit dem Herzen vergeben ... aber habe mehr Erbarmen mit menschlicher Qual und versprich zum zweiten Male nicht. Gewiß, ich nehme kein Glück mit von dieser Stätte! Lebe wohl!«