»Um Gottes willen, wohnen wir doch im Hause dieses Mannes!« sagte der Truchseß wieder; »wir müssen morgen irgend ein Unterkommen finden, und sollten wir auf dem Felde unsere Zelte aufschlagen, nur um hier nicht länger zu wohnen.«
»Erwartet Nachricht von mir, sonst verlieren wir uns wieder,« sagte Sagloba, »wenn Ketling getötet ist.«
»Um Gottes willen, sprecht leiser,« flüsterte die Frau Truchseß, »die Dienerschaft wird sonst noch etwas erlauschen und es Christine hinterbringen; sie ist schon halb tot.«
»Ich will zu ihr,« sagte Bärbchen.
Und sie sprang die Treppe hinauf. Die anderen blieben in Sorge und Angst zurück; im ganzen Hause blieb alles wach. Der Gedanke, daß Ketling vielleicht nicht mehr am Leben sei, erfüllte ihre Herzen mit Angst. Um das Unglück voll zu machen, war die Nacht schwül, stockfinster, der Donner grollte, und helle Blitze zerteilten den schwerbewölkten Horizont. Es war gerade Mitternacht, als das erste Gewitter dieses Frühlings zu toben begann. Auch die Dienerschaft war erwacht.
Christine und Bärbchen waren von ihrem Mädchenzimmer in den Speisesaal heruntergekommen, dort beteten alle Versammelten, dann saßen sie schweigsam da und wiederholten nach alter Sitte bei jedem Donnerschlag: »Und das Wort ist Fleisch geworden.«
Durch das Heulen des Sturmes tönte es manchmal wie Pferdegetrappel; dann machte Entsetzen und Schrecken Bärbchens Haare starren. Auch die Frau Truchseß und die beiden älteren Männer waren in angstvoller Erregung, denn es schien ihnen, als könnte jeden Augenblick die Tür sich öffnen und Wolodyjowski eintreten, von dem Blute Ketlings befleckt. —
Der stets milde Michael lastete das erstemal in seinem Leben wie ein Stein auf den Herzen der Menschen, so daß der bloße Gedanke an ihn sie mit Entsetzen erfüllte.
Aber die Nacht ging hin ohne eine Nachricht von dem kleinen Ritter. Mit der Morgendämmerung, als der Sturm sich ein wenig gelegt hatte, machte sich Sagloba zum zweitenmal nach der Stadt auf. Der ganze Tag war eine Zeit noch schwererer Unruhe; Bärbchen saß bis zum Abend am Fenster oder vor dem Tor und schaute nach dem Wege aus, auf welchem Sagloba kommen mußte. Unterdessen packte das Gesinde auf den Befehl des Herrn Truchseß langsam die Kisten und Kasten für den Weg. Christine war mit der Beaufsichtigung dieser Arbeit beschäftigt, denn auf diese Weise konnte sie sich in der Nähe des Onkels und der Tante und Herrn Saglobas halten.