Obwohl die Frau Truchseß in ihrer Gegenwart bisher nicht mit einem Worte des Bruders gedacht hatte, so belehrte sie doch das bloße Schweigen, daß sowohl Michaels Liebe zu ihr, wie ihre früheren geheimen Verabredungen und ihre jüngste Abweisung bekannt geworden waren. Und wenn dem so war, konnte sie schwerlich annehmen, daß diese Menschen, die Michael so nahe standen, ihr nicht gram seien. Die arme Christine fühlte, daß es so sein müsse und so sei, daß diese ihr bisher in Liebe zugewandten Herzen sich von ihr abwandten. Darum wollte sie lieber zurückgezogen bleiben.

Gegen Abend war alles reisefertig, so daß man zur Not noch an demselben Tage hätte aufbrechen können; aber der Truchseß wartete nur auf Nachrichten von Sagloba. Das Abendbrot wurde aufgetragen, aber niemand wollte essen, und der Abend zog sich schwer, unerträglich dumpf hin, als horchten alle nur auf das Ticken der Uhr.

»Gehen wir hinüber in das Wohnzimmer,« sagte endlich der Truchseß, »hier ist es nicht mehr auszuhalten.«

Sie gingen hinüber und setzten sich hin; aber ehe jemand ein Wort hervorbringen konnte, schlugen unter dem Fenster die Hunde an.

»Es kommt jemand!« rief Bärbchen.

»Die Hunde bellen, als käme ein zum Hause Gehöriger,« bemerkte die Frau Truchseß.

»Still doch!« sagte der Truchseß, »ich höre Getrappel.«

»Still!« wiederholte Bärbchen, » — ja, es wird immer deutlicher, das ist Herr Sagloba.«

Bärbchen und der Truchseß sprangen auf und liefen hinaus; der Frau Truchseß schlug das Herz, aber sie blieb bei Christine, um durch die übergroße Eile nicht zu verraten, daß Sagloba gar so wichtige Neuigkeiten bringen könne.

Das Pferdegetrappel wurde ganz in der Nähe des Fensters vernehmbar; dann hörte es plötzlich ganz auf, im Flure wurden Stimmen laut, und einen Augenblick später flog die Tür wie vom Sturmwind geöffnet auf, und Bärbchen stürzte in das Zimmer. Ihr Gesicht war ganz verändert, als sähe sie ein Gespenst vor sich.