»Bärbchen! Was — wer?« fragte die Frau Truchseß entsetzt.
Aber ehe Bärbchen Atem schöpfen und antworten konnte, trat der Truchseß ein; ihm folgte Michael Wolodyjowski und Ketling.
Ketling war so verändert, daß er kaum vermochte, sich tief vor den Damen zu verneigen; er stand unbeweglich da, den Hut an der Brust, die Augen geschlossen, einem wundertätigen Bilde ähnlich. Michael umarmte im Vorübergehen seine Schwester und trat zu Christine heran.
Das Antlitz des Mädchens war bleich wie Linnen und senkte sich erregt; Michael aber ergriff sanft ihre Hand und drückte sie an die Lippen. Dann sammelte er sich und begann endlich, sehr traurig, aber vollkommen ruhig:
»Mein wertes Fräulein, oder richtiger: Meine geliebte Christine, höre mich ohne Scheu an, denn ich bin kein Skyte und kein Tatar oder sonst ein Wilder, sondern ein Freund, der, wenn er auch selbst nicht glücklich ist, doch dein Glück wünscht. Es ist an den Tag gekommen, daß ihr einander liebet. Fräulein Barbara hat es mir in gerechtem Zorn auf den Kopf zugesagt, und ich will nicht leugnen, daß ich in der Wut dieses Haus verlassen habe, um Rache zu nehmen an Ketling ... wer alles verliert, den packt leicht der Rachedurst, und ich, so wahr mir Gott lieb, ich habe dich so unendlich geliebt, und nicht bloß wie ein Jüngling ein Mädchen ... denn hätte ich schon ein Weib, und hätte mir Gott ein einziges Knäblein oder ein Mägdlein geschenkt, und hätte es mir dann genommen, ich hätte es nicht so beweint, wie ich dich beweine.«
Hier versagte Michael die Stimme, aber er faßte sich bald wieder und fuhr fort:
»Nun denn, ich will den Schmerz tragen, hier ist nichts zu tun. Daß Ketling dich liebgewonnen hat — kein Wunder; wer würde dich nicht liebgewinnen, und daß du ihn liebgewonnen, das ist nun mein Schicksal. Aber wundern kann ich mich auch darüber nicht, denn wie könnte ich mich mit Ketling vergleichen! Im Felde — er wird es selbst bezeugen — stehe ich ihm nicht nach; aber das ist etwas anderes. Gott der Herr hat den einen reich beschenkt, den anderen karg bedacht, aber durch Mäßigung entschädigt. Und so hat denn auch mir, als mich unterwegs der Wind umwehte und als der erste Zorn vorüber war, das Gewissen sogleich gesagt: Wofür willst du sie strafen, wofür Freundesblut vergießen? Sie haben sich liebgewonnen, es ist Gottes Wille. Die ältesten Leute sagen, gegen den Wunsch des Herzens ist auch der Befehl des Hetmans nichts; Gottes Wille war's, daß sie sich liebgewannen; daß sie keinen Verrat begingen, ist das Werk ihrer Redlichkeit. Hätte Ketling gewußt, daß du dich mir versprochen, vielleicht hätte ich ihm zugerufen: Steh' Rede! Aber selbst das hat er nicht gewußt. Was ist seine Schuld? Nichts. Und was ist deine Schuld? Nichts. Er wollte davongehen, du wolltest zu Gott ... mein Geschick ist schuld, niemand sonst, denn darin zeigt sich der Finger Gottes, daß ich in meiner Einsamkeit verbleiben soll ... Nun habe ich überwunden —«
Wieder brach Michael in seiner Rede ab und begann hastig zu atmen wie ein Mensch, der nach langem Untertauchen unter dem Wasser an die Luft gelangt, dann ergriff er Christinens Hand und sagte:
»So lieben, um alles für sich zu begehren, ist keine Kunst. Uns dreien blutet das Herz — dachte ich — so mag doch lieber einer leiden und den anderen Tröstung gewähren. Christine, gebe dir Gott Glück mit Ketling ... Amen! Gebe dir Gott Glück, Christine, schmerzt es mich auch, es tut nichts ... gebe dir Gott ... gewiß, es ist nichts, ich hab's überwunden.«