»Ich habe immer gern solchen Erzählungen gelauscht, in welchen traurige Abenteuer ein glückliches Ende nehmen, weil aus ihnen hervorgeht, daß Gott den, welchen er unter seine Fittiche genommen hat, immer aus den Schlingen des Bösen befreit, und, sei es selbst aus der Krim, unter ein schützend Dach zurückzuführen vermag.

Darum möge jeder von den Herren ein für allemal sich merken, daß es für Gott den Herrn nichts Unmögliches gibt; er möge selbst in den schwersten Nöten das Vertrauen zu seinem Erbarmen nicht verlieren. — Hört mich an:

Löblich ist es von Herrn Muschalski, daß er einen einfachen Mann mit brüderlicher Liebe geliebt. Der Erlöser hat uns davon ein Beispiel gegeben; er, der aus königlichem Blute war, hat doch die Männer aus dem Volke geliebt, viele von ihnen zu Aposteln gemacht und ihnen zu einem hohen Rang verholfen, so daß sie jetzt im himmlischen Rate sitzen.

Aber ein anderes ist die persönliche Liebe, ein anderes die allgemeine, die Liebe einer Nation zu einer anderen, welche allgemeine Liebe unser Herr und Heiland nicht minder streng beobachtet hat. Und wo ist sie? Wenn du dich in der Welt umsiehst, Erdensohn, so ist in allen Herzen ein solcher Haß, als folgten die Menschen den Geboten des Teufels und nicht Gottes.«

»Verehrter Herr,« antwortete Sagloba, »Ihr werdet uns schwerlich davon überzeugen, daß wir den Türken, den Tataren oder die anderen lieben sollten, die der Herrgott selber verachten muß.«

»Ich will Euch auch nicht dazu überreden, ich behaupte nur, daß die Kinder einer Mutter sich lieben sollten. Und was geschieht statt dessen? Seit den Zeiten Chmielnizkis, seit dreißig Jahren, waren diese Lande nicht einen Augenblick trocken von Blut.«

»Und durch wessen Schuld?«

»Wer sich zuerst zu ihr bekennt, dem wird Gott zuerst verzeihen.«

»Ihr tragt heute geistliche Gewänder, und in jungen Jahren, so sagt man, habt Ihr die Rebellen als ein tüchtiger Rittersmann zu Paaren getrieben.«

»Das tat ich, weil ich mußte; ich war Soldat, und das ist keine Sünde, sondern das, daß ich sie dabei wie die Pest haßte. Ich hatte meine persönlichen Gründe, die ich nicht erwähnen will, denn die Zeiten sind lange vergangen und jene Wunden längst verharscht. Aber das bereue ich demütig, daß ich über meine Pflicht hinausgegangen bin. Ich hatte bei meinem Kommando hundert Leute von der Fahne des Herrn Niewodowski, und oft, wenn ich mit ihnen herumstreifte, sengte ich, hängte ich, hieb ich die Leute zusammen ... Ihr wißt, was das für Zeiten waren! Die Tataren, von Chmielnizki zu Hilfe gerufen, brannten und metzelten alles nieder, und so taten auch wir. Die Kosaken ließen überall nur Wasser und Land und begingen noch schlimmere Grausamkeiten als wir und die Tataren. O, nichts Entsetzlicheres als der Bürgerkrieg! Was das für Zeiten waren, wer kann es in Worten sagen? Genug, wir und sie waren tollen Hunden ähnlicher als Menschen ... Einst wurde unserem Kommando gemeldet, daß das Gesindel Herrn Rusiezki in seiner Feste belagere. Ich und meine Leute wurden ihm zur Hilfe gesandt. Ich kam zu spät, die Feste war bereits vom Erdboden verschwunden. Nun überfiel ich das betrunkene Bauernvolk und hieb eine Menge von ihnen nieder; aber ein Teil versteckte sich im Getreide. Diese ließ ich lebend fortführen, um sie zum Exempel aufzuknüpfen. Aber wo? Das war leichter gedacht als getan; im ganzen Dorf war nicht ein Baum geblieben. Selbst die Birnbäume, die einsam an den Beeten am Rain gestanden hatten, waren umgehauen. Ich hatte keine Zeit, einen Galgen aufzurichten, auch einen Wald gab es nirgend in der Nähe, wir waren im Steppenland. Was tun? Ich nehme meine Gefangenen und gehe weiter. Irgendwo werde ich doch einen gabelförmigen Baumstamm finden. Ich gehe eine Meile, ich gehe zwei Meilen — nichts als Steppe — man hätte kegeln können. Endlich stoßen wir auf die Spuren eines Dörfchens. Es war gegen Abend. Ich sehe, ich schaue mich um: hier und da einen Haufen Kohlen und sonst nichts als graue Asche. Wieder nichts. Und doch! Auf einem winzigen Hügel war ein Kreuz geblieben, denn das Holz war noch nicht schwarz geworden und leuchtete im Abendschein, als sei es von Feuer; ein Christus, aus Blech geschnitten und so bemalt, daß man erst von der Seite kommen und das dünne Blech sehen mußte, um zu erkennen, daß nicht wirklich ein Körper dort hänge; von vorn betrachtet war sein Gesicht wie lebend, ein wenig bleich von Schmerzen, die Dornenkrone und die Augen nach oben gerichtet mit entsetzlichem Leiden und Klagen. Als ich das Kreuz bemerkte, schoß mir ein Gedanke durch den Kopf: Das ist der Galgen, einen anderen gibt es nicht! Aber ich erschrak zugleich. Im Namen des Vaters und des Sohnes, — an das Kreuz werde ich sie nicht knüpfen. Doch ich sagte mir, daß ich Christi Augen erfreuen werde, wenn ich in seiner Gegenwart diese, die so viel unschuldiges Blut vergossen hatten, köpfen lasse, und ich sagte: »Herr Gott, glaube, daß diese die Juden seien, die dich ans Kreuz schlugen, denn sie sind nicht besser als jene.« Und ich ließ einen nach dem anderen heranschleppen, auf den Hügel bis zum Kreuze führen und köpfen. Es waren unter ihnen alte, grauköpfige Bauern und junge Burschen. Der erste, den man heraufführte, sagte: »Bei den Leiden des Herrn, um Christi willen erbarme dich!« Und ich: »Den Kopf ihm ab!« Der Dragoner hieb, sein Kopf fiel. Man brachte den anderen heran, er sagte dasselbe: »Bei Christi Erbarmen, habe Mitleid!« Und ich: »Den Kopf ihm ab!« So ging es mit dem dritten, dem vierten, dem fünften. Vierzehn waren ihrer, und ein jeder beschwor mich bei Christo ...