Die Abendröte war schon verloschen, als wir fertig waren. Ich ließ sie im Kreis um den Fuß des Kreuzes herumlegen ... ich Tor! Ich wähnte, mit diesem Anblick den eingeborenen Sohn zu erfreuen. Sie aber bewegten sich eine Zeitlang bald mit den Händen, bald mit den Füßen, der eine und der andere wälzte sich umher wie ein Fisch, den man aus dem Wasser genommen; aber das dauerte nicht lange. Bald verließen die Kräfte ihren Körper, und sie lagen da im Kranze herum, still und stumm.
Da schon vollkommene Dunkelheit eingetreten war, beschloß ich zu übernachten, obwohl wir kein Holz zu Wachtfeuern hatten. Die Nacht war warm, und so legten sich meine Leute auf ihre Pferdedecken. Ich ging zum Kreuze hin, um zu Christi Füßen die üblichen Paternoster zu sprechen und mich in seine Hand zu empfehlen, und ich glaubte, mein Gebet werde um so gnädiger aufgenommen werden, als mir der Tag in Arbeit und in Taten hingegangen war, die ich mir zum Verdienst anrechnete.
Es begegnet dem ermatteten Soldaten oft, daß er während des Abendgebetes einschlummert. Auch mir ging es so. Die Dragoner, welche sahen, daß ich mit dem Kopf an das Kreuz gelehnt kniete, meinten, ich sei in fromme Andacht versunken, und keiner von ihnen wollte mich unterbrechen. Meine Augen aber hatten sich gleich geschlossen, und ein seltsamer Traum kam über mich von diesem Kreuze herab. Ich sage nicht, daß ich Gesichte hatte, denn ich bin und war dessen nicht würdig, — aber ich sah im tiefsten Schlafe, als sei ich wach, die ganze Passion des Herrn ... Beim Anblick der Qual des unschuldigen Lammes war mein Herz zerknirscht, die Schleusen meiner Augen öffneten sich, und mich ergriff ein unendliches Weh. »Herr,« sagte ich, »ich habe hier ein Häuflein guter Knechte, — willst du sehen, was unsere Reiterei vermag, so nicke mit dem Haupte, und ich will diese Heidensöhne, diese deine Henker im Augenblick mit den Schwertern köpfen lassen.« Kaum hatte ich ausgesprochen, so schwand alles vor meinen Augen, nur das Kreuz war geblieben, und Christus, der blutige Tränen weinte ... und ich umfasse den Fuß des heiligen Stammes und schluchze auch. Wie lange das gewährt hat, weiß ich nicht, aber da es vorbei war, und ich mich ein wenig beruhigt hatte, sagte ich wieder: »Herr, Herr, hast du nicht unter den verstockten Juden deine heilige Lehre kundgetan? Wärest du von Palästina in unsere Republik gekommen, wir hätten dich gewiß nicht ans Kreuz geschlagen, wir hätten dich freundlich aufgenommen, mit allen Gütern dich beschenkt, wir hätten dir das Bürgerrecht gegeben zur Vermehrung deines göttlichen Ruhmes. Warum hast du nicht so getan, Herr?«
Ich sprach's und hob die Augen gen Himmel — im Traume war es, vergeßt das nicht — und was sehe ich? Unser Herr blickt streng auf mich nieder, runzelt die Brauen und antwortet plötzlich mit mächtiger Stimme: »Wohlfeil ist jetzt Euer Adel, denn in Kriegszeiten kann ihn jeder Bube erwerben; aber das ist das geringste! Wert seid Ihr einander, Ihr und das Barbarengesindel; Ihr und die anderen seid schlimmer als die Juden, denn Ihr schlaget mich täglich hier ans Kreuz ... Habe ich nicht Liebe gelehrt und Vergebung der Sünden auch für den Feind, und Ihr zerfleischet einander wie die wütenden Tiere. Das muß ich sehen und leide unendliche Qual. Du selbst aber, der du mich hattest befreien wollen, und mich dann in die Republik zu kommen einludest, was hast du getan? Siehe, menschliche Leichname liegen rings um mein Kreuz, und Blut bespritzt seinen Fuß, und doch waren unter ihnen unschuldige Knaben oder Verblendete, die, da sie keine Einsicht hatten, den anderen folgten, wie die vernunftlosen Schafe. Hattest du Mitleid mit ihnen, hast du sie gerichtet vor dem Tode? Nein, du ließest sie alle töten und wähntest noch, mir damit eine Freude zu bereiten. Fürwahr, ein anderes ist Rügen und Strafen, wie der Vater den Sohn straft, und der ältere Bruder den jüngeren rügt, und ein anderes Rache nehmen, als Gericht halten und kein Maß in Strafe und Grausamkeit kennen. Dahin ist es gekommen, daß auf dieser Erde die Wölfe mehr Erbarmen haben, denn die Menschen, daß hier das Gras blutigen Tau schwitzt, daß die Winde nicht wehen, sondern heulen, daß die Flüsse Tränenströme wälzen, und die Menschen bis zum Tode die Hände ringen und jammern: »Unsere Zuversicht!«
»Herr,« rief ich, »sind jene besser als wir? Wer hat die größten Grausamkeiten begangen, wer hat die Heiden hierhergeführt?«
»Liebet sie, auch wenn ihr sie straft,« antwortete der Herr, »dann werden die Schuppen von ihren Augen fallen, die Verstocktheit wird sich lösen, und meine Barmherzigkeit wird über euch sein. Wo nicht, wird die Flut der Tataren kommen und euch ihr Joch auferlegen, euch und ihnen — und ihr werdet dem Feinde dienen müssen in Verzweiflung, in Verachtung, in Tränen — bis zu jenem Tage, da ihr euch gegenseitig lieben gelernt. Wenn ihr aber im Haß das Maß überschreitet, dann wird es weder für sie noch für euch Erbarmen geben, und der Heide wird diesen Boden innehaben in alle Ewigkeit!«
Die Kräfte verließen mich, da ich diese Seherworte hörte, und ich konnte lange nicht sprechen; dann warf ich mich auf mein Antlitz und fragte:
»Herr, was soll ich tun, um meine Sünden zu tilgen?«
Darauf sagte der Herr:
»Gehe hin, wiederhole meine Worte, predige Liebe.«