Nach dieser Antwort wichen meine Gesichte. Da die Nacht im Sommer kurz ist, erwachte ich, ganz von Tau bedeckt, mit der Morgendämmerung. Ich sehe hin, die Köpfe liegen im Kranz um das Kreuz herum, aber sie sind schon ganz blau geworden. Seltsam, gestern hatte mich dieser Anblick erfreut, heute ergriff mich das Entsetzen, besonders da ich den Kopf eines Knaben erblickte, der etwa siebzehn Jahre zählen mochte und der über alle Maßen schön war. Ich befahl, die Körper geziemend unter demselben Kreuz zu begraben, und von nun an — war ich nicht mehr derselbe.
Anfangs sagte ich mir: Träume — Schäume! Aber sie hafteten in meinem Gedächtnis und umfingen mein ganzes Sein immer mehr. Ich wagte nicht zu vermuten, daß der Herr selbst mit mir gesprochen habe, denn, wie ich schon sagte, ich fühlte mich nicht würdig. Es konnte doch das Gewissen gewesen sein, welches sich im Kriege in der Seele untergeduckt hatte, wie der Tatar im Grase, daß Gott plötzlich gesprochen und mir seinen Willen kundgetan hatte. Ich ging zur Beichte, und der Priester bestätigte meine Meinung. »Offenbar,« sagte er, »ist es Gottes Wille und Gottes Mahnung. Gehorche ihr, damit es dir nicht übel ergehe.«
Und nun begann ich Liebe zu predigen.
Aber die Genossen und Offiziere lachten mir ins Gesicht. »Was,« sagten sie, »bist du ein Priester, daß du uns Lehren geben willst? Haben jene Hundesöhne Gott nicht beleidigt, haben sie wenig Kirchen in Brand gesteckt, wenig Kreuze geschändet? Sollen wir sie darum lieben?« — mit einem Worte, niemand wollte auf mich hören.
Darum legte ich nach der Schlacht bei Berestetsch diese geistlichen Gewänder an, um mit größerer Würde das Wort und den Willen Gottes zu verkünden. Seit zwanzig Jahren und darüber tue ich es ohne Rast und Ruhe. Meine Haare sind gebleicht ... Gott der Allerbarmer wird mich nicht dafür strafen, daß meine Stimme bis jetzt die Stimme des Predigers in der Wüste gewesen.
Meine Herren, liebet eure Feinde! Strafet sie, wie der Vater straft, rüget sie, wie der ältere Bruder rügt, sonst wird ihnen wehe sein, aber wehe auch euch, wehe der ganzen Republik!
Seht, was ist der Nutzen dieses Krieges, dieses Hasses des Bruders gegen den Bruder? Wüst ist das ganze Land, nur Leichenhügel sind mir in Uschyz als Pfarrkinder geblieben, in Trümmern liegen Kirchen, Städte, Dörfer; die Macht der Heiden wächst und schlägt über uns zusammen wie das Meer, das auch dich, du Fels von Kamieniez, zu verschlingen droht.«
Herr Nienaschyniez hatte mit großer Rührung der Rede des Priesters Kaminski gelauscht, so daß der Schweiß auf seine Stirn trat, und er ergriff das Wort, als alles um ihn her in Schweigen versunken war.
»Daß es hier unter dem Kosakenvolk würdige Männer gibt, da ist uns ein Beweis der hier anwesende Herr Motowidlo, den wir alle lieben und ehren. Was aber die allgemeine Liebe betrifft, über welche Priester Kaminski so beredt gesprochen hat, muß ich gestehen, daß ich in schwerer Sünde bis heute gelebt, denn ich habe sie nicht in mir und habe mich nicht bemüht, sie zu besitzen. Jetzt hat mir der würdige Priester die Augen geöffnet. Ohne besondere Gnade des Himmels werde ich diese Liebe im Herzen nicht finden, denn ich trage die Erinnerung eines entsetzlichen Unrechts in ihm, das ich hier kurz erzählen will.«
»Trinken wir etwas Warmes!« fiel Sagloba ein.