»Schürt das Feuer,« sagte Bärbchen zu den Knechten.

Bald erglänzte das geräumige Gemach von neuem in hellem Licht, und ein Knecht stellte vor jeden der Ritter ein Quart Warmbier hin. Alle tauchten gern die Lippen hinein, und als sie ein und das anderemal getrunken hatten, nahm Herr Nienaschyniez das Wort wieder und sprach, wie wenn ein Wagen rasselt:

»Meine Mutter empfahl sterbend meinem Schutze die Schwester. Halschka hieß sie. Ich hatte keine Frau, kein Kind, darum liebte ich dieses Mädchen wie meinen Augapfel. Sie war zwanzig Jahre jünger als ich, und ich trug sie auf meinen Händen, kurz, ich betrachtete sie als mein eigen Kind. Dann zog ich in den Krieg, und die Horde nahm sie in ihre Gefangenschaft. Als ich heimkehrte, rannte ich mit dem Kopf gegen die Wand. Mein Besitz war während des Überfalles verloren; aber ich verkaufte, was ich hatte; für das letzte erwarb ich ein Pferd und ritt hinaus mit den Armeniern, um sie auszulösen. Ich fand sie in Baktschissaraj beim Harem, nicht im Harem, denn sie war erst zwölf Jahre alt. — Nie vergeß' ich, Halschka, den Augenblick, da ich dich wiederfand, wie du mich liebend umhalstest, wie du mich auf die Augen küßtest! Doch ach, zu wenig war, was ich mitgebracht hatte. Das Mädchen war schön; Jehu-Aga, der sie entführt hatte, forderte dreimal soviel. Ich wollte mich als Zugabe ausliefern — auch das half nicht. Vor meinen Augen erstand sie auf dem Markte Tuhaj-Bey, unser berühmter Feind, der sie drei Jahre lang beim Harem halten und sie dann zu seiner Gattin machen wollte. Ich kehrte ins Land zurück und raufte mir die Haare. Unterwegs erfuhr ich, daß in einer Seestadt eine von Tuhaj-Beys Gattinnen mit ihrem Lieblingssöhnchen Asya wohne — Tuhaj-Bey hatte in allen Städten und Dörfern Frauen, um überall Ruhe unter eigenem Dache zu haben. Da ich von jenem Lieblingssohn hörte, war mir's, als zeige mir Gott das letzte Rettungsmittel für Halschka, und sogleich beschloß ich, Asya zu entführen und ihn dann für mein Mädchen einzutauschen. Aber ich allein konnte das nicht vollführen. Ich mußte in der Ukraine oder in den wilden Feldern die Banden zusammenrufen, und das war nicht leicht, denn erstens war der Name Tuhaj-Bey gefürchtet in ganz Reußen, und dann hatte er den Kosaken gegen uns geholfen. Aber in den Steppen haust eine Menge Kosaken, welche nur den eigenen Gewinn im Auge haben und um der Beute willen zu allem bereit sind. Solcher sammelte ich eine bedeutende Zahl. Was wir alles durchgemacht, ehe wir die Tschaiken sämtlich ins Meer hinausbrachten, das kann keine Zunge sagen, denn auch vor den Kosaken-Ältesten mußten wir uns verbergen. Aber Gott gab uns Segen. Asya entführte ich und mit ihm köstliche Beute. Die Verfolger holten uns nicht ein, und wir kamen glücklich in die wilden Felder. Von hier wollte ich nach Kamieniez, um sogleich durch die dortigen Kaufleute die Verhandlungen zu beginnen. Ich teilte alle Beute unter die Kosaken und behielt mir selbst nur Tuhaj-Beys Jungen. Und weil ich so freigebig und redlich mit den Leuten verfahren war, weil ich soviel mit ihnen zusammen erduldet hatte, weil ich mit ihnen Hunger gelitten und für sie mein Leben gewagt hatte, meinte ich, jeder von ihnen werde für mich ins Feuer gehen, ich hatte mir ihr Herz für immer gewonnen. Bitter sollte ich enttäuscht werden!

Es war mir nicht eingefallen, daß sie ihre eigenen Atamans in Stücke reißen, um ihre Beute zu teilen. Ich hatte vergessen, daß es unter diesen Leuten keinen Glauben, keine Tugend, keine Dankbarkeit, kein Gewissen gibt ... Schon in der Nähe von Kamieniez reizte sie die Hoffnung reichen Lösegeldes für Asya. In der Nacht fielen sie über mich her wie die Wölfe, würgten mich mit einer Schnur um den Hals, zerstachen meinen Körper mit Messern und ließen mich endlich, da sie mich für tot hielten, in der Wüste liegen und gingen selbst mit dem Kinde davon.

Gott sandte mir Rettung und gab mir die Gesundheit wieder — aber meine Halschka war für immer verloren. Vielleicht lebt sie noch dort irgendwo; vielleicht hat sie nach dem Tode Tuhaj-Beys irgend ein anderer Heide genommen; vielleicht ist sie zu Mohammed übergetreten, hat vielleicht den Bruder ganz und gar vergessen — vielleicht wird dereinst ihr Sohn mein Blut vergießen ... Das ist meine Geschichte.«

Hier verstummte Herr Nienaschyniez und blickte finster zu Boden.

»Wieviel Blut und Tränen der Unseren sind für diese Lande schon geflossen!« sagte Herr Muschalski.

»Liebe deine Feinde!« warf Priester Kaminski ein.

»Und als Ihr wieder gesund waret — habt Ihr Tuhaj-Beys Jungen nicht wieder gesucht?« fragte Sagloba.