»Was für Leute sind es?« fragte Herr Michael.

»Strolche, Walachen, Ungarn, von beiden ein bißchen, und am meisten von der Horde; im ganzen an zweihundert Mann.«

»Das sind dieselben, von welchen ich Kunde hatte, daß sie auf der walachischen Seite geplündert haben,« sagte Wolodyjowski. »Perkula muß sie dort bedrängen, sie fliehen zu uns. Aber dort sind allein zweihundert von der Horde; in der Nacht werden sie übersetzen, und mit der Morgendämmerung treten wir ihnen in den Weg. Herr Motowidlo und Asya werden sich von Mitternacht an in Bereitschaft halten; eine Herde Ochsen wird ihnen zur Anreizung entgegengejagt. Und jetzt in die Quartiere!«

Die Soldaten begannen auseinanderzugehen, aber noch hatten nicht alle das Zimmer verlassen, als Bärbchen zu ihrem Gatten eilte, ihre Hände um seinen Hals legte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Er lächelte und schüttelte verneinend den Kopf; sie aber drängte offenbar in ihn und schlang ihre Arme immer fester um seinen Nacken. Als Sagloba das sah, sagte er:

»Tu ihr doch einmal den Gefallen, dann mach' auch ich Alter mit euch mit.«

Die lockeren Banden, die sich an beiden Ufern des Dniestr mit Raub beschäftigten, bestanden aus Leuten der verschiedenen Nationalitäten, welche die Nachbarländer bewohnten. Den überwiegenden Teil machten immer die tatarischen Überläufer von den Horden der Dobrudscha und von Bialogrod aus, die noch wilder und kriegerischer waren als ihre Stammesbrüder in der Krim. Aber es fehlte auch nicht an Walachen, an Kosaken und Ungarn, an polnischen Kriegsknechten, welche aus den Grenzwarten entflohen waren, die am Ufer des Dniestr entlang lagen. Sie lauerten bald auf der polnischen, bald auf der walachischen Seite in Büschen auf, von Zeit zu Zeit den Grenzfluß überschreitend, je nachdem die Perkulabischen oder die Kommandanten der Republik sie bedrängten. In Schluchten und Wäldern, in Höhlen hatten sie ihre unzugänglichen Schlupfwinkel. Das Hauptziel ihrer Überfälle waren die Ochsen- und Pferdeherden der Grenzwarten, die auch im Winter die Steppen nicht verließen, da sie sich selbst ihre Nahrung unter dem Schnee hervorsuchten. Außerdem aber überfielen sie die Dörfer, Städtchen, Flecken, kleinere Kommandos, polnische, ja auch türkische Kaufleute und die Vermittler, die mit dem Lösegeld nach der Krim zogen. Diese Haufen hatten ihre Ordnung und ihre Führer, aber sie verbanden sich selten. Oft geschah es sogar, daß minder zahlreiche durch stärkere niedergemetzelt wurden. Sie hatten sich überall in den reußischen Landen sehr vermehrt, besonders seit der Zeit der kosakisch-polnischen Kriege, da jede Sicherheit in jenen Gegenden geschwunden war. Die Banden am Ufer des Dniestr, welche beständig durch Überläufer aus der Horde ergänzt wurden, waren besonders drohend. Manche von ihnen zählten bis zu fünfhundert Köpfe; ihre Führer nahmen den Titel von Beys an. Sie verwüsteten das Land auf ganz tatarische Weise, und oft wußten die Kommandanten selbst wirklich nicht, ob sie es mit Räubern zu tun hatten oder mit dem Vortrab einer ganzen Horde. Den regulären Truppen, besonders der Reiterei der Republik, vermochten jene Haufen im Felde nicht standzuhalten. Waren sie aber einmal in die Falle gelockt, so schlugen sie sich verzweifelt, denn sie wußten wohl, daß ihrer in der Republik der Galgen harre. Ihre Waffen waren verschieden; Bogen und Flinte fehlten ihnen; sie wären ihnen auch zu ihren nächtlichen Überfällen von geringem Nutzen gewesen. Der größte Teil war mit türkischen Handscharen und Yataganen ausgerüstet — mit tatarischen Säbeln und mit Pferdekinnbacken, die sie auf junge Eichstöcke setzten und mit Stricken befestigten. Diese letztere Waffe leistete in fester Faust furchtbare Dienste, denn sie zerschmetterte jeden Säbel. Einzelne hatten Heugabeln, die sehr lang und stark mit Eisen beschlagen waren; einzelne führten Lanzen. Diese leisteten in Notfällen der Reiterei Widerstand.

Die Bande, welche an der Sieroz-Furt Halt gemacht hatte, mußte sehr stark an Zahl sein oder aber sich in der äußersten Not auf der moldauischen Seite befinden, wenn sie es wagte, gegen das Kommando von Chreptiow anzurücken, trotz der Furcht, welche Herrn Michaels Name allein in allen Räuberbanden beider Ufer weckte. Und so brachten auch die zweiten Vorposten die Mitteilung, daß sie aus vierhundert Köpfen bestehe unter Führung Asba-Beys, des berühmten Rottenführers, der seit einigen Jahren die polnische und moldauische Seite in Furcht und Schrecken erhielt.

Wolodyjowski war voller Freude, als er erfuhr, mit wem er es zu tun haben werde, und gab sogleich seine Befehle. Außer Mellechowitsch und Motowidlo zog noch die Fahne des Herrn Generals von Podolien und des Herrn Truchseß von Prschemysl. Noch in der Nacht brachen sie auf, und wie es hieß, nach verschiedenen Seiten. Aber wie die Fischer das große Zuggarn weithin ausbreiten, um nachher bei einer Wuhne zusammenzukommen, so sollten auch diese Fahnen, die in einem weiten Kreise herumgingen, beim Anbruch des Tages an der Sieroz-Furt zusammentreffen.

Bärbchen sah mit klopfendem Herzen dem Auszug der Truppen zu. Es sollte dies ihr erster Kriegszug sein, und das Herz schwoll ihr bei dem Anblick der Behendigkeit dieser alten Steppenwölfe. Sie gingen in solcher Stille davon, daß man im Blockhaus selbst sie kaum hätte hören können. Kein Zügel klirrte, kein Steigbügel, kein Säbel schlug an den anderen, kein Pferd wieherte. Die Nacht war hell und schön, denn es war die Zeit des Vollmondes; er beleuchtete den Hügel der Grenzwarte und die Steppe, die von allen Seiten leicht abfiel. Und doch, kaum war eine Fahne über das Pfahlwerk hinausgekommen, kaum leuchtete es auf im silbernen Feuerschein, den der Mond den Schwertern entlockte, so war sie auch schon den Augen entschwunden wie ein Volk Rebhühner, das im wogenden Grase untertaucht. Es lag etwas Geheimnisvolles in diesem Auszug. Bärbchen war es, als zögen Jäger auf eine Jagd, die mit Anbruch des Tages beginnen sollte, und als gingen sie so still und vorsichtig, um das Wild nicht aufzuscheuchen. Und so erfüllte ihr Herz eine mächtige Lust, an dieser Jagd teilzunehmen.