»Erklärt mir doch, was das bedeutet, diese Bruderschaft!« fragte Bärbchen.
»Siehst du,« sagte Sagloba, »wenn nach dem Kriege die Verhandlungen eröffnet werden, dann besuchen sich die Herren gegenseitig und treten miteinander in Verkehr. Dann kommt es vor, daß einer von den Genossen Gefallen findet an einem Mirza, und der Mirza an ihm, und da schwören sie sich Freundschaft bis in den Tod, und das nennt man Bruderschaft. Je berühmter aber jemand ist, wie zum Beispiel Michael, ich oder Herr Ruschtschyz, der jetzt in Raschkow das Kommando hat, desto begehrter ist die Bruderschaft mit ihm; natürlich wird so einer nicht Bruderschaft schließen mit jedem Hergelaufenen, sondern er wählt auch unter den berühmtesten Mirzen. Die Sitte heischt dann, daß man Wasser über die Säbel gießt und sich einander Freundschaft schwört; verstehst du?«
»Und wenn es dann zum Kriege kommt?«
»In einem allgemeinen Kampfe dürfen sie sich schlagen; wenn sie aber als Tirailleure aufeinanderstoßen, Mann gegen Mann, so begrüßen sie sich und gehen in Frieden auseinander. Wenn einer in Gefangenschaft gerät, muß sie ihm der andere erleichtern und im schlimmsten Falle das Lösegeld für ihn bezahlen; ja, es ist schon vorgekommen, daß zweie ihr Vermögen miteinander teilten. Wenn es sich um Freunde oder Bekannte handelt, jemand aufzusuchen oder zu helfen, so gehen auch die Bruderschafter zueinander, und die Gerechtigkeit gebietet anzuerkennen, daß kein Volk solche Schwüre strenger einhält als die Tataren. Das Ehrenwort ist bei ihnen heilig, und auf einen solchen Freund kann man mit Sicherheit zählen.«
»Und hat Michael viele solcher?«
»Ich habe drei einflußreiche Mirzen,« antwortete Herr Michael; »einen noch aus den Zeiten vor Lubnie; ich habe ihn einmal bei dem Fürsten Jeremias losgebeten, Aga-Bey heißt er, und er würde, wenn es sich darum handelte, sein Haupt für mich auf den Block legen. Die anderen beiden sind auch zuverlässig.«
»Ei,« sagte Bärbchen, »ich möchte wohl mit dem Khan selber Bruderschaft schließen und alle Gefangenen befreien!«
»Er würde wohl auch nicht abgeneigt sein,« sagte Sagloba. »Es fragt sich nur, welche Belohnung er von dir verlangen würde.«
»Verzeiht, meine Herren,« sagte Wolodyjowski, »beraten wir, was uns zu tun geziemt. Hört also: Ich habe Nachrichten aus Kamieniez, daß spätestens in zwei Wochen Piotrowitsch mit zahlreichem Gefolge hierherkommt; er zieht nach der Krim, um einige armenische Kaufleute aus Kamieniez einzulösen, die bei der Einsetzung des neuen Khans beraubt und in die Gefangenschaft geschleppt wurden; das ist auch dem Seferowitsch, dem Bruder des Prätors, begegnet, alles sehr hervorragende Männer; sie kargen nicht mit Geld, und Piotrowitsch geht reichlich ausgestattet hin. Gefahren drohen ihm nicht; erstens ist der Winter nahe, das ist keine günstige Zeit für die Banden, und dann zieht Nawiragh, der Delegat des Patriarchen von Usmiadsin und zwei Anardraten aus Jaffa, die Geleitsbriefe vom jungen Khan haben, heran. Ich will also Piotrowitsch Briefe sowohl an die Residenten der Republik wie an meine Bruderschafter geben; außerdem ist den Herren bekannt, daß Ruschtschyz, der Kommandant von Raschkow, leibliche Verwandte in der Horde hat, die als Kinder gefangen wurden und ganz und gar zu Würden gelangt sind. Alle diese werden Himmel und Erde in Bewegung setzen, vielleicht auch gar dem Murza ganz im stillen den Hals umdrehen. Ich habe also Hoffnung, daß, wenn, was Gott geben möge, Herr Boski lebt, ich ihn unzweifelhaft in einigen Monaten herausbekomme, wie mir dies der Herr Hetman, und mein hier anwesender näherer Kommandant —, hier verbeugte er sich vor seiner Gattin — befehlen ...«
Der anwesende Kommandant sprang wieder hinzu und umarmte den kleinen Ritter; Frau und Fräulein Boska falteten nur die Hände und dankten Gott, daß er ihnen gewährt habe, zu so herzensguten Menschen zu gelangen. Sie wurden auch beide viel heiterer.