Bärbchen aber, deren Seele so rein wie das Wasser der Quelle war, und deren Gedanken mit ganz anderen Dingen beschäftigt waren, verstand diese Sprache nicht. Sie dachte in diesem Augenblick nur, was sie dem Tataren noch zu sagen habe, und begann endlich, indem sie den Finger erhob:
»So mancher trägt im Herzen verborgene Liebe und wagt nicht, mit einem anderen darüber zu sprechen; wenn er aber aufrichtig sich ausspräche, würde er vielleicht etwas Gutes erfahren.«
Asyas Gesicht verdüsterte sich einen Augenblick, eine wahnsinnige Hoffnung zuckte wie ein Blitz durch seinen Kopf; aber er beherrschte sich und sagte:
»Wovon wollen Ew. Liebden sprechen?«
Und Bärbchen antwortete:
»Manche andere würde Umwege machen, wie die Frauen ungeduldig und unbesonnen zu sein pflegen, ich aber bin anders, helfen möchte ich gern, aber ich verlange nicht sofort ein Bekenntnis, ich sage Euch nur das: Verbergt Euch nicht und kommt zu mir, sei es auch täglich, denn ich habe darüber schon mit meinem Gatten gesprochen. Allmählich werdet Ihr Euch daran gewöhnen und meine Freundlichkeit erkennen; Ihr werdet auch erkennen, daß ich nicht aus leichtfertiger Neugier frage, sondern aus Teilnahme, und da ich doch, wenn ich helfen soll, Eurer Gegenliebe sicher sein muß. Ziemt es doch übrigens Euch, sie zuerst zu bezeigen; wenn Ihr mir bekennt — vielleicht werde auch ich Euch dann etwas sagen.«
Tuhaj-Beys Sohn begriff sofort, wie töricht die Hoffnung gewesen, die ihm einen Augenblick durch den Kopf geschossen war. Ja, er erriet auf der Stelle, daß es sich um Eva handle, und alle Flüche auf ihre ganze Familie, welche die Zeit in seiner rachsüchtigen Seele angesammelt hatte, kamen ihm auf die Lippen. Der Haß tobte in ihm wie eine Flamme, um so mächtiger, als er einen Augenblick vorher sich in ganz andere Gefühle eingewiegt hatte. Aber wieder beherrschte er sich. Er besaß nicht nur Macht über sich selbst, sondern auch die Verschlagenheit der Leute aus dem Osten. In einem Augenblick begriff er, daß, wenn er auf die Nowowiejskis seinen Geifer spritzen wollte, er Bärbchens Gunst und die Möglichkeit, sie täglich zu sehen, für immer verlieren würde; andererseits fühlte er, daß er sich nicht — wenigstens im Augenblick nicht — bis zu dem Grade überwinden könne, um dem geliebten Weibe gegenüber mit Bestimmtheit in Abrede zu stellen, daß es eine andere sei, die er liebe.
Und so warf er sich in dem Zwiespalt seiner Seele und in unverhohlener Qual plötzlich zu Bärbchens Füßen nieder, berührte ihre Füße mit den Lippen und sprach:
»Ew. Liebden Huld empfehle ich meine Seele, in Ew. Liebden Hand lege ich mein Schicksal! Nichts anderes will ich tun, als was Ew. Liebden befehlen, keinen anderen Willen will ich kennen; tun Ew. Liebden mit mir ganz nach Wunsch. In Qualen lebe ich und in Harm, ich Unglückseliger! Erbarmt Euch meiner Seele, — o daß sich die Erde öffnete, um mich zu verschlingen!«
Er stöhnte schwer, denn er empfand einen unsagbaren Schmerz, und die niedergehaltenen Leidenschaften loderten in lebendiger Flamme auf. Bärbchen aber hielt diese seine Worte für einen Ausbruch der lang und schmerzlich verborgen gehaltenen Liebe für Evchen; sie war von Mitleid mit dem ritterlichen Jüngling ergriffen, und zwei Tränen erglänzten in ihren Augen.