Sie sprach's und sank zu Bärbchens Füßen und umfaßte sie schluchzend.

»So Gott will, fahre ich mit,« antwortete Bärbchen; »ich will Michael alles vorstellen, und will nicht aufhören, ihn zu quälen; auch allein kann man jetzt sicher reisen, um wie viel mehr unter so zahlreicher Bewachung. Vielleicht reist auch Herr Michael mit, er hat ein Herz und wird es erlauben. Erst wird er mich anschreien; aber wenn ich traurig sein werde, wird er bald um mich herumscharwenzeln, mir in die Augen sehen und — ja sagen. Ich würde es lieber sehen, daß er selbst mitreiste, denn mir wird furchtbar bange nach ihm sein, — aber was tun? Ich reise auch so, um Euch die Sache zu erleichtern ... handelt es sich doch nicht mehr um meinen Wunsch, sondern um euer beider Schicksal. Michael ist dir gut, und ist Asya gut — er wird's erlauben!«

Asya aber war nach jener Unterredung mit Bärbchen voller Freude und Hoffnung auf sein Zimmer gestürzt, als sei er nach langer Krankheit plötzlich genesen und neu belebt. Kurz zuvor hatte wahnsinnige Verzweiflung sein Herz erfaßt. Gerade an diesem Morgen hatte er von Herrn Bogusch einen trockenen, kurzen Brief folgenden Inhalts erhalten:

»Mein lieber Asya! Ich habe in Kamieniez Halt gemacht und komme jetzt nicht nach Chreptiow. Erstens, weil Müdigkeit mich ergriffen hat, und zweitens, weil ich dort nichts zu tun habe. In Jaworowo bin ich gewesen. Der Herr Hetman will Dir nicht nur seine schriftliche Erlaubnis nicht geben, und Deine wahnsinnigen Pläne mit seiner Autorität nicht decken, sondern befiehlt Dir streng und bei Verlust seiner Gunst, daß Du sie auf der Stelle aufgebest. Ich habe auch die Überzeugung gewonnen, daß alles das, was Du mir gesagt hast, unnütz ist. Für ein christlich gebildetes Volk ist es sündhaft, sich mit den Heiden in solche Machenschaften einzulassen, und es wäre auch eine Schmach vor der ganzen Welt, Adelsprivilegien an Diebe, Räuber und Mörder, die unschuldiges Blut vergießen, zu verteilen. Erwäge es selbst und denke nicht mehr an die Hetmanswürde, sie ist nicht für Dich, wenn Du auch Tuhaj-Beys Sohn bist. Willst Du aber die Gunst des Hetmans ganz wiedererlangen, so gib Dich zufrieden mit Deinem Range, besonders aber beschleunige Dein Werk mit Krytschynski, Tworkowski, Adurowitsch und den anderen, denn dadurch wirst Du Dir das größte Verdienst erwerben. Eine Weisung des Hetmans über das, was Du tun sollst, sende ich mit diesem Briefe, und an Herrn Michael den Befehl von oben, daß er Dich gehen und kommen lasse mit Deinen Leuten, wann's Dir beliebt. Den Hauptleuten wirst Du sicher entgegeneilen müssen — und beschleunige das — und gib mir nach Kamieniez eilig Nachricht, was man drüben auf der anderen Seite hört. Indem ich Dich der göttlichen Gnade empfehle, bleibe ich mit unveränderlichem Wohlwollen Martin Bogusch aus Siembiz, Untertruchseß von Nowogrod.«

Als der junge Tatar diesen Brief gelesen hatte, verfiel er in eine entsetzliche Wut; erst zerrieb er das Schriftstück zu Staub in der Hand, dann bohrte er sein Dolchmesser ein über das anderemal in den Tisch, endlich ging er auf sein eigenes Leben los und auf den treuen Halim, der ihn auf Knieen flehentlich bat, nichts zu unternehmen, ehe sich seine Wut und seine Verzweiflung gelegt habe. Gewiß war dieser Brief für ihn ein tödlicher Stoß; der Bau, den sein Stolz, sein Ehrgeiz aufgeführt hatte, war wie von Pulver in die Luft gesprengt, alle seine Pläne vernichtet; er konnte der dritte Hetman in der Republik werden und gewissermaßen ihr Schicksal in seinen Händen halten, und nun sah er ein, daß er ein unbekannter Offizier bleiben müsse, für dessen Ehrgeiz das Bürgerrecht das höchste Ziel darstellte. Schon hatte er in seiner glühenden Einbildungskraft täglich die Massen gesehen, die ihm huldigend zu Füßen sanken, und nun würde er ihnen huldigen müssen. Wertlos war es für ihn, daß er Tuhaj-Beys Sohn war, daß das Blut fürstlicher Krieger in seinen Adern rollte, daß er ungeheure Gedanken in seiner Seele geboren hatte, — wertlos, alles wertlos; verkannt würde er nun leben, und vergessen sterben in irgend einem fernen Grenzblockhaus. Ein einziges Wort hatte seine Flügel gelähmt, ein einziges Nein hatte es zu Wege gebracht, daß er von nun an sich nicht mehr frei in die Lüfte erheben durfte, wie der Adler am Himmelszelt, sondern dahinkroch wie der Wurm am Boden.

Aber alles das bedeutete noch nichts im Vergleich zu dem Glück, das er mit den Augen, mit dem Herzen, mit der Seele, mit seinem Leben liebte. Sie wird niemals die Seine werden. Dieser Brief hatte ihm nicht nur den Hetmansstab, sondern auch sie entrissen, denn konnte Chmielnizki die Frau Tschaplinskis entführen, so konnte auch der mächtige Asya, der Hetman, das fremde Weib in seinen Besitz bringen und schützen, wenn nötig gegen die ganze Republik. Wie aber sollte Asya, der lipkische Hauptmann, der unter dem Kommando ihres Gatten diente, wie sollte dieser Asya sie seiner Gewalt entreißen?

Wenn er daran dachte, ward die Welt um ihn her schwarz und wüst, und Tuhaj-Beys Sohn wußte nicht, ob es nicht besser für ihn sei zu sterben, als zu leben ohne ein Recht zum Leben, ohne Glück, ohne Hoffnung, ohne das geliebte Weib. Das drückte ihn um so furchtbarer nieder, als er eine solche Wunde nicht erwartet hatte, vielmehr bei der Betrachtung des Zustandes der Republik mit jedem Tage mehr die Überzeugung in sich befestigte, daß der Hetman auf seine Pläne eingehen müsse. Und nun waren alle seine Hoffnungen auseinandergestoben, wie der Nebel vor dem Sturmwind. Was blieb ihm nun zu tun? — Dem Ruhm, dem Glück, der Größe zu entsagen. Aber daran dachte er nicht; im ersten Augenblick hatte ihn eine Raserei des Zorns und der Verzweiflung erfaßt; ein Feuer ging durch seinen Körper und brannte ihn schmerzhaft, er heulte und knirschte mit den Zähnen, rachsüchtige Gedanken wirbelten durch seinen Kopf. Rache wollte er nehmen an der Republik, an dem Hetman, an Michael, an Bärbchen sogar. Seine Lipker wollte er aufrufen, die ganze Besatzung niedermetzeln, alle Offiziere, ganz Chreptiow, Michael töten, Bärbchen mit Gewalt fortführen, mit ihr an das Moldauische Ufer fliehen und dann weit, weit in die Dobrudscha hinein und noch weiter, sei es auch nach Stambul selber, sei es auch in die asiatischen Wüsten.

Aber der treue Halim wachte über ihn, und er selbst sah, nachdem er sich von der ersten Wut und Verzweiflung erholt hatte, die ganze Unmöglichkeit dieser Pläne ein. Asya war auch hierin Chmielnizki ähnlich, daß in ihm ein Löwe neben der Schlange wohnte. Er würde mit den treuen Lipkern Chreptiow überfallen — und was dann? Würde Michael, der wachsam war wie ein Wächterhund, sich so plötzlich umzingeln lassen, und, wenn das gelänge, würde sich dieser treffliche Krieger besiegen lassen, der überdies noch eine größere Zahl von Soldaten, und von besseren Soldaten unter seiner Führung hatte? Und endlich, wenn Asya ihn auch besiegte, was dann? Wenn er den Fluß entlang ginge nach Jahorlik, so mußte er unterwegs die Kommandos in Mohylow, Jampol und Raschkow aufreiben, und gelangte er an das Moldauische Ufer, so saßen dort die Perkulaben, Michaels Freunde, und Habareskul von Chozim, sein geschworener Feind. Zöge er Dorosch entgegen, so ständen bei Brazlaw die polnischen Kommandos, und die Steppe war auch im Winter voll von Streifzüglern. All dem gegenüber empfand Tuhaj-Beys Sohn seine Machtlosigkeit; seine rachsüchtige Seele, die erst Flammen gespieen hatte, verkroch sich in dumpfer Verzweiflung, wie ein verwundetes Wild sich in die dunkle Höhle verkriecht — und blieb still.

Und wie maßloser Schmerz sich selbst tötet und in Erstarrung vergeht, so erstarrte auch er endlich ganz. Gerade in diesem Augenblick wurde ihm gemeldet, daß die Frau Kommandantin ihn zu sprechen wünsche.

Halim erkannte Asya kaum wieder, als er von dieser Unterredung zurückkehrte. Die Erstarrung war aus dem Gesicht des Tataren gewichen, seine Augen funkelten wie die einer Wildkatze, sein Gesicht glänzte, und die weißen Eckzähne traten unter seinem Schnurrbart hervor, — in seiner wilden Schönheit glich er ganz dem furchtbaren Tuhaj-Bey.