»Herr Nowowiejski wird mir in nichts im Wege stehen,« antwortete Asya.

Und ein düsterer Blitz huschte über sein Angesicht.

In Jampol traf man fast gar keine Soldaten an, Fußvolk war nie dort gewesen, und die ganze Reiterei war ausgezogen, kaum, daß etliche zehn Mann im Schlosse oder besser in seinen Ruinen lagen ... das Nachtlager war vorbereitet, aber Bärbchen schlief schlecht, weil sie die Gerüchte beunruhigten. Besonders quälte sie der Gedanke, welche Unruhe den kleinen Ritter erfassen würde, wenn sich bestätigen sollte, daß Doroschenkos Schar wirklich aufgebrochen sei; sie tröstete sich nur damit, daß es vielleicht nicht wahr sei. Es kam ihr auch der Gedanke, ob es nicht besser sei, zur Sicherheit einen Teil der Soldaten Asyas mitzunehmen und zurückzukehren, — aber es gab mannigfache Hindernisse; erstens hätte Asya, der die Besatzung von Raschkow verstärken sollte, ihnen nur eine sehr geringe Leibwache geben können — im Falle einer wirklichen Gefahr hätte diese Wache sich als ungenügend erwiesen —; zweitens waren zwei Drittel des Weges schon zurückgelegt. In Raschkow befand sich ein unbekannter Offizier und eine starke Besatzung, welche durch die Verstärkung, die ihr jetzt wurde, zu einer stattlichen Macht anwachsen konnte. Da Bärbchen alles dies erwog, beschloß sie, weiter zu reisen. Aber sie fand keinen Schlaf. Das erste Mal auf diesem ganzen Wege hatte sie eine Unruhe erfaßt, als hinge eine unbekannte Gefahr über ihrem Haupte; vielleicht trug auch das Nachtlager in Jampol zu dieser Unruhe bei, denn Jampol war ein entsetzlicher, blutiger Ort. Bärbchen kannte ihn aus den Erzählungen ihres Gatten und des Herrn Sagloba. Hier hatte zurzeit des blutigen Chmielnizki die Hauptmacht der podolischen Aufständischen unter Burlaj gestanden, hier wurden die Gefangenen hergeführt und nach den orientalischen Märkten verkauft oder auf gräßliche Weise hingemordet; hier endlich war es, wo im Frühjahr 1651 während eines reichbesuchten Jahrmarktes Herr Stanislaus von Landskron, der Wojewode von Brazlaw, einen Überfall gemacht und ein blutiges Gemetzel veranstaltet hatte, das noch in frischer Erinnerung im ganzen Dniestrlande fortlebte.

Überall also, über dem ganzen Flecken schwebten blutige Erinnerungen; hier und da lagen noch die Trümmerhaufen, und aus den halb eingestürzten Mauern des Schlosses schienen die fahlen Gesichter der hingemordeten Kosaken und Polen hervorzublicken. Bärbchen hatte Mut, aber sie fürchtete die Geister, und das Volk sagte, daß man in Jampol selber, bei der Mündung der Schumilowka und an dem nahen »Porogen«[J] des Dniestr allnächtlich ein großes Weinen und Stöhnen vernehme, daß sich das Wasser bei Mondlicht rot färbe, als sei es vom Blut getränkt. Dieser Gedanke erfüllte Bärbchens Herz mit großer Furcht. Unwillkürlich horchte sie, ob nicht durch die Stille der Nacht, mitten durch das Schäumen der Dniestrschnellen Weinen und Stöhnen vernehmbar sei. Nichts war zu hören, als das gedehnte Ha — a — lt! der Soldaten. Und so trat vor Bärbchens Geist das stille Gastzimmer in Chreptiow, ihr Gatte, Sagloba, die Gesichter der Freunde — und zum erstenmal empfand sie, daß sie fern von ihnen sei, sehr fern, in fremden Landen, — und es erfaßte sie eine solche Sehnsucht nach Chreptiow, daß sie weinen wollte. Erst gegen Morgen schlief sie ein, aber sie hatte seltsame Träume. Burlaj, die Aufständischen, die Tataren, blutige Bilder zogen an ihrem geistigen Auge vorüber, und mitten in diesen Bildern sah sie beständig das Gesicht Asyas; aber es war nicht derselbe Asya, er erschien als wilder Tatar, als Tuhaj-Bey selber.

Am Morgen stand sie auf, froh, daß die Nacht und ihre gräßlichen Gesichte vorübergegangen waren. Den Rest des Weges beschloß sie auf ihrem Apfelschimmel zurückzulegen, erstens um Bewegung zu haben, zweitens um Asya und Evchen Gelegenheit zu bequemerer Unterhaltung zu geben, denn die beiden hatten gewiß, da Raschkow so nahe lag, das Bedürfnis, sich zu beraten, auf welche Weise man dem alten Nowowiejski alles mitteile, und seine Erlaubnis erlange. Asya hielt ihr mit eigener Hand den Steigbügel; er setzte sich aber nicht zu Evchen in den Schlitten, sondern ritt gleich an die Spitze der Abteilung und hielt sich dann in Bärbchens Nähe.

Sie aber bemerkte bald, daß sie in geringerer Anzahl seien, als da sie nach Jampol gekommen waren. Sie wandte sich an den jungen Tataren und sagte:

»Ich sehe, daß Ihr auch in Jampol einen Teil Eurer Leute gelassen habt.«

»Fünfzig Pferde, gerade so wie in Mohylow,« antwortete Asya.

»Und wozu das?«

Er lächelte seltsam, seine Lippen hoben sich wie bei einem bösartigen Hunde, der die Zähne zeigt — und erst nach einer kurzen Pause antwortete er: