»Jesus, Jesus ... Jesus!«
Sagloba fragte also nicht weiter, er ging hinaus und gab seine Befehle. Als er zurückkehrte, war Michael nicht mehr im Gastzimmer; die Offiziere teilten Sagloba mit, die Kranke habe ihren Gatten gerufen, sie wußten nicht, ob im Fieber oder bei Bewußtsein.
Der Alte überzeugte sich sogleich selbst, daß es im Fieber geschehen war.
Bärbchens Wangen glühten in hellem Rot, sie hatte das Aussehen einer Gesunden; aber ihre Augen, die zwar den Glanz nicht verloren hatten, waren trübe, als seien die Augensterne mit dem Weißen verschwommen; ihre weißen Hände tasteten mit eintöniger Bewegung auf der Decke umher. Michael lag halb bewußtlos zu ihren Füßen. Von Zeit zu Zeit murmelte die Kranke leise etwas, oder sie sprach gewisse Worte lauter, wie »Chreptiow«, das sie am häufigsten wiederholte. Offenbar wähnte sie sich noch auf der Reise. Sagloba beunruhigte besonders die Handbewegung auf der Decke, denn in ihrer bewußtlosen Einförmigkeit sah er die Anzeichen des herannahenden Todes. Er war ein erfahrener Mann, viele Menschen waren vor seinen Augen gestorben; aber nie war sein Herz von solchem Schmerz zerrissen wie bei dem Anblick dieser Blume, die so früh dahinwelkte.
Er begriff, daß nur Gott allein dieses verlöschende Leben retten könne; er kniete am Boden nieder und begann eifrig zu beten.
Aber Bärbchens Atem wurde immer schwerer und verwandelte sich allmählich in ein Keuchen. Wolodyjowski sprang auf, Sagloba richtete sich empor; beide sprachen kein Wort miteinander, sie blickten sich nur an, aber in diesem Blick lag ein entsetzlicher Ausdruck. Sie glaubten, der Tod sei nahe. Das währte aber nur einen Augenblick; bald wurde der Atem der Kranken ruhiger und sogar langsamer.
Von jetzt ab schwebten sie beständig zwischen Furcht und Hoffnung. Die Nacht zog sich träge hin; auch die Offiziere gingen nicht zur Ruhe, sie saßen im Gastzimmer, blickten nach der Tür des Alkovens, sprachen leise miteinander oder schlummerten. Von Zeit zu Zeit trat ein Bursche herein und warf Holz in den Kamin. Bei jeder Bewegung der Türklinke sprangen sie von den Bänken auf, denn sie fürchteten, Michael oder Sagloba werde eintreten und die entsetzlichen Worte sprechen:
»Sie lebt nicht mehr.«
Inzwischen krähten die Hähne, und Bärbchen kämpfte noch immer mit dem Fieber. Am Morgen brach ein entsetzlicher Sturmwind mit Regenschauern los und tobte durch das Gebälk, heulte unter dem Dache, spielte mit den Flammen im Kamin und warf dichte Rauchwolken und Funken in das Gemach. Beim ersten Lichtschimmer verließ Motowidlo leise das Zimmer, um seinen Umritt zu machen; ein blasser, wolkiger Tag war endlich angebrochen und beleuchtete die müden Gesichter.