Auf dem Maidan begann die übliche Bewegung; durch das Pfeifen des Windes tönte das Getrappel der Pferde in den Ställen, das Ziehen der Brunnenkräne und die Stimmen der Soldaten; bald aber ließ sich ein Glöckchen vernehmen: Priester Kaminski war angekommen.
Als er eintrat in seinem weißen Meßhemd, knieten die Offiziere nieder. Allen schien der feierliche Augenblick gekommen, dem unabwendbar der Tod folgen mußte. Die Kranke hatte das Bewußtsein nicht wiedergewonnen, und so konnte der Priester die Beichte von ihr nicht hören. Er gab ihr nur die letzte Ölung, dann suchte er den kleinen Ritter zu trösten und sprach ihm zu, sich dem göttlichen Willen zu fügen. Aber dieser hörte den Trost kaum, kein Wort vermochte seinen Schmerz zu durchdringen.
Den ganzen Tag schwebte der Tod über Bärbchen wie eine Spinne, die in dunklem Winkel sich verborgen hält, bisweilen ans Tageslicht hervorkriecht und sich an einem unsichtbaren Faden herunterläßt; oft glaubten die Anwesenden, daß die Schatten des Todes schon über Bärbchens Stirn fielen, daß diese lichte Seele die Flügel ausbreite, um von Chreptiow zu entschweben in den unendlichen Äther, in ein anderes Land; dann wieder verbarg sich der Tod wie die Spinne unter der Decke, und Hoffnung erfüllte die Herzen.
Es war aber keine dauernde, keine vollständige Hoffnung, denn daß Bärbchen diese Krankheit überleben werde, wagte niemand zu hoffen, auch Michael nicht; sein Schmerz war so groß, daß Sagloba, obgleich auch er furchtbar abgehärmt war, um ihn ernstlich besorgt ward und ihn dem Schutz der Offiziere empfahl.
»Um Gottes willen, habt ein Auge auf ihn,« sagte er, »er stößt sich ein Messer ins Herz.«
Michael wäre zwar dergleichen nicht in den Sinn gekommen, aber in dem Kampf mit seinem Schmerz und Leid fragte er sich beständig: »Wie soll ich hierbleiben, wenn sie von hinnen geht, wie kann ich dies liebe Wesen allein ziehen lassen? Was wird sie sagen, wenn sie sich umsieht und mich nicht in ihrer Nähe findet?«
Und so begehrte er aus innerster Seele gemeinsam zu sterben, denn wie er sich kein Leben auf Erden ohne sie vorstellen konnte, so begriff er auch nicht, daß sie in jenem Leben ohne ihn glücklich sein könne und nach ihm nicht Sehnsucht tragen werde.
Am Nachmittag verbarg sich die unheilvolle Spinne wieder unter der Decke, die Glut auf Bärbchens Wangen erlosch, und das Fieber nahm so weit ab, daß die Kranke ein wenig zum Bewußtsein kam.
Eine Zeitlang lag sie mit geschlossenen Augen da, dann öffnete sie dieselben, schaute dem kleinen Ritter ins Gesicht und fragte:
»Michael, bin ich in Chreptiow?«